Die kubanische MeToo-Bewegung fordert die Macht „mit Haaren auf der Brust“ heraus

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Für die „Föderation kubanischer Frauen“ (FMC) sind Frauen Soldatinnen, perfekte Arbeiterinnen und Stützen der Ideologie. (Alain K.)

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YOANI SÁNCHEZ | 14ymedio | 2. Juli 2019

Er sieht sie im Vorbeigehen und pfeift ihr nach während sie weitergeht. Im Omnibus heftet er sich an die Fersen einer jungen Frau, bis er ihr so nah ist, dass er riecht wie sie schwitzt. Wenn er nach Hause kommt, hat seine Frau den Tisch gedeckt, beginnt aber erst zu essen, wenn er den ersten Bissen kaut. In der Nacht, und obwohl sie nicht will, „spielt er seine Rolle als Mann“. Es sind so übliche und häufige Situationen, dass viele sie mittlerweile für normal halten, also für das, was es bedeutet eine Frau zu sein.

Diese Mischung aus Druck, Missbrauch und Gewalt kommt jetzt ans Tageslicht, als Folge des Schreis einer Sängerin, die sich entschlossen hat über das zu berichten, was sie erlebt hat. Die öffentliche Anzeige, die die Sängerin Dianelys Alfonso − bekannt als La Diosa de Cuba − gegen den Musiker José Luiz Cortés erstattet hat, wegen Verleumdung, Misshandlung und sexuellen Missbrauch, hat die „Büchse der Pandora“*) geöffnet, mit unkalkulierbaren Folgen. Wir können eingrenzen, wann alles begonnen hat, aber nicht wohin dieser Prozess der Reinigung führen wird.

Die kubanische Gesellschaft ist überall vom Machismo durchdrungen. Sexuelle Belästigung und Ausbeutung sind so alltäglich, dass viele sie nicht mehr sehen oder nicht sehen wollen.

Die kubanische Gesellschaft ist überall vom Machismo durchdrungen. Sexuelle Belästigung und Ausbeutung sind so alltäglich, dass viele sie nicht mehr sehen oder nicht sehen wollen. Es fängt sehr früh an und ist so tief im kubanischen Alltag verwurzelt, dass es manchmal schwierig ist auseinander zu halten, wie weit der Wille der Frau geht und wo die Zumutung des Mannes anfängt; wie viel mehr also vom Machismo bestimmt wird, als vom freien Willen eines Menschen

Der Machismo fängt mit Männern an, die auf der Straße ständig Komplimente oder Schmeicheleien verteilen, und das für eine Antwort auf die Attraktivität einer Frau halten; geht weiter mit einem Veranstalter, der glaubt, dass er seine Quote an Respekt für das „schöne Geschlecht“ schon dadurch erfüllt, wenn er am 8. März (Tag der Frau) ein Fest organisiert und Geschenke verteilt, und landet schließlich bei einem Regierungssprecher, der eine Dissidentin beschuldigt einen moralisch fragwürdigen Umgang zu pflegen, oder eine Prostituierte zu sein, nur weil sie ihn kritisiert.

Millionen Frauen auf dieser Insel sind in der Rolle eines „schmückenden Beiwerks“ gefangen, oder sie sind häusliche Sklavinnen, oder man sieht in ihnen Objekte zum Benutzen und Wegwerfen. Sie sind nicht nur dazu verurteilt den Großteil der Hausarbeit zu erledigen, sondern man bereitet sie schon von klein auf darauf vor, dem Mann zu gefallen, ihn zufriedenzustellen, ihm zu dienen und ihm zuzustimmen. Auch nur einen Zentimeter von dieser Verhaltensweise abzuweichen, kann Beschimpfungen und Aggressionen zur Folge haben.

Sie, die Frauen sind es, die in der Küche stehen, sich um die Kinder kümmern und zu Elternabenden der Schule gehen. Sie übernehmen die Pflege alter Leute und unterstützen wirtschaftlich die Kinder des Ehemanns, wenn der sich aus dem Staub gemacht hat, oder über kein Einkommen verfügt. Sie kümmern sich um kranke Angehörige und arbeiten in schlecht bezahlten Jobs in Krankenhäusern, Schulen, Suppenküchen oder Asylunterkünften.

Sie werden auch misshandelt. Gewalt hat viele Gesichter, einige davon sind scheinbar „wohlwollend“, wie der Druck, immer „schön, gepflegt und attraktiv“ zu sein. Das verpflichtet sie ihr Haar zu glätten, die Nägel zu lackieren, ihre Beine zu rasieren und sich für Schmeicheleien und „Eroberungen“ bereit zu zeigen, also jenen dankbar zu sein, die an ihnen vorbeigehen, sie betrachten, loben oder berühren.

Sie, die Frauen sind es, die in der Küche stehen, sich um die Kinder kümmern und zu Elternabenden der Schule gehen. Sie übernehmen die Pflege alter Leute und unterstützen wirtschaftlich die Kinder des Ehemanns, wenn der sich aus dem Staub gemacht hat.

Aber Nötigung kann auch viel stärker ausfallen. Es ist der Freund, der zu ihr sagt „wenn ich dich mit einem anderen Mann sehe, dann solltest du wissen, was dir passieren wird“; es ist der Ehemann, der ihr verbietet enge Hosen zu tragen; der Nachbar, der ihr beiläufig sagt „wenn sie sich sehr allein fühle, könne er sie begleiten und ihr zur Seite stehen, damit niemand es wagen würde sie zu belästigen“; es ist ihr Chef, der sagt, „dass sie eine vielversprechende Zukunft vor sich habe und alle ‚Attribute‘ hätte, um sie zu erreichen“.

Es gibt auch körperliche Gewalt, wie sie jene Frau erlitten hat, die ein blaues Auge hinter einer Sonnenbrille verbirgt; oder jene andere, die Schläge erträgt, weil sie nicht weiß wohin gehen, denn es gibt keine Frauenhäuser zum Schutz misshandelter Frauen; oder schließlich jene dritte, die seit Jahren von ihren gewalttätigen Mann geschlagen wird, wenn er betrunken nach Hause kommt; die Schläge muss sie ertragen, weil sie aus einer Provinz im Osten nach Havanna gekommen ist und illegal in der Stadt leben würde, wenn er sie vor die Tür setzt.

Dann gibt es die Schauspielerin, die sich auf offener Bühne ausziehen muss, wenn sie die Rolle haben will; die Sängerin, die nur dann auf einen sicheren Platz vor dem Mikrofon hoffen darf, wenn sie mit dem Chef der Gruppe ins Bett geht; die Fachfrau in einer Firma, die die Anzüglichkeiten des Direktors akzeptieren muss, um geschäftlich reisen zu können, um im Beruf voran zu kommen, oder einfach nur, um ihren Arbeitsplatz zu behalten.

Und es gibt auch soziale und institutionelle Gewalt: die eines Polizisten, der sie kommen sieht um eine Anzeige zu erstatteten und zu ihr sagt, “ zwischen Ehemann und Ehefrau soll sich niemand stellen“; die des Rechtsanwalts, der sich weigert einen Fall zu übernehmen, weil der Beschuldigte ein einflussreicher Mann ist und sie „eine völlig unbekannte Person“; die der Freunde eines Gewalttäters, die sich auf seine Seite stellen und Tonnen von Schmutz auf das Opfers und seine Glaubwürdigkeit werfen, und schließlich gibt es die der offiziellen Regierungssprecher, die sich auf internationalen Foren damit brüsten, dass es auf der Inseln kein wirkliches Problem mit geschlechtsspezifischer Gewalt gäbe.

Jetzt, mit der MeToo-Bewegung, hat die kubanische Realität eine Stimme gefunden, die gehört wird. Die Bewegung hat lange gebraucht, bis sie auf die Insel kam, während sie es an anderen Orten unseres Planeten geschafft hat ein Problem sichtbar zu machen, das viele Frauen betrifft. MeToo hat Frauen die Kraft gegeben mehrere Vergewaltiger vor Gericht zu bringen, hat andere Übeltäter vor weiteren Übergriffen abgehalten und hat so ein Bewusstsein für sexuelle Belästigungen geschaffen.

Feminismus, sozialer Aktivismus oder Umweltaktionen wurden von offiziellen Stellen nie gern gesehen, da die Regierung solche „ismen“ als Erbe einer bürgerlichen, also kapitalistischen Mentalität betrachtet.

Welche Rolle hat dabei die offizielle „Föderation kubanischer Frauen“ (FMC) gespielt? Bis heute keine. Die größte und einzig erlaubte Frauenorganisation bewegt sich nicht, sofern sie nicht von Regierungsseite eine Anweisung erhält. Feminismus, sozialer Aktivismus oder Umweltaktionen wurden von offiziellen Stellen nie gern gesehen, da die Regierung solche „ismen“ für das Erbe einer bürgerlichen, also kapitalistischen Mentalität hält.

Für die FMC sind Frauen Soldatinnen, perfekte Arbeiterinnen und Stützen der Ideologie; sie vor männlichen Übergriffen zu schützen, hieße, sich gegen die Regierung selbst zu stellen. Schließlich gibt es sexuelle Belästigung nicht nur im häuslichen oder sozialen Umfeld, sondern sie gehen auch vom Staat selbst aus und werden vom ihm akzeptiert.

Die Macht „mit Haaren auf der Brust“ greift bei Frauen zu raffinierten Drohungen, wenn diese sich ihr entgegenstellen. Man hinterfragt öffentlich die Moral einer Frau, man beschuldigt sie umstürzlerischer Pläne, nicht aus eigenem Antrieb, sondern von einem Mann gelenkt, man spielt auf ihren Mangel an Weiblichkeit an, und im schlimmsten Fall enthüllt man sehr intime Details von ihr − solche, vor denen man sie von früher Kindheit an in Schule und Familie gewarnt hat, dass man sie besser verbergen, verschweigen oder unter der Decke halten sollte.

               Übersetzung: Dieter Schubert


Anmerkung des Übersetzers:

Die „Büchse der Pandora“, wie die griechische Mythologie überliefert, enthielt alle der Menschheit bis dahin unbekannten Übel, wie Mühe, Krankheit und Tod. (Wikipedia)


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