Maria und der Mangel an Speiseöl

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Die Warteschlange vor einem Laden in Camagüey, um Speiseöl zu kaufen. (Inalkis Rodríguez)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 6. März 2019

Heute, wo uns so viele Situationen an die schwierigen neunziger Jahre erinnern, kehren auch Geschichten über die Ersatzstoffe zurück, die damals Eingang in die Küche und in die Mahlzeiten fanden. Leute auf der Straße erinnern sich, wie sie es schafften, ein kleines Brot in unzählige Scheiben zu schneiden, um es im Tagesverlauf zu essen; wie sie Reis mit Pillen eines Nahrungsergänzungsmittels gelb färbten und Bananenschalen in ein falsches Haschee verwandelten.

Maria ist 43 Jahre alt; sie erinnert sich noch gut an die Zeit, als die kubanische Wirtschaft am Boden lag. Zunächst war es Treibstoff, dann Autobusse und schließlich fehlte Speiseöl. „Meine Schwester arbeitete in einem pharmazeutischen Labor“, sagt Maria, „und deshalb durfte sie Paraffinöl mit nach Hause nehmen; das Produkt wurde bei der Herstellung von bestimmten Arzneimitteln verwendet und hatte weder Geruch noch Geschmack“.

„Meine Schwester arbeitete in einem pharmazeutischen Labor“, erinnert sich Maria,“und deshalb durfte sie Paraffinöl mit nach Hause nehmen“.

Das Problem von Paraffinöl, das man in jenen Jahren auf Kuba als Speiseöl-Ersatz in der Küche verwendete, war, dass es wie ein starkes Abführmittel wirkte. „Wenn man Nahrungsmittel in einen Tiegel mit kochendem Öl tat, entstand weißer Schaum, und später musste man mit einer Baumwoll-Einlage in der Unterwäsche das Haus verlassen, weil man wie ein defektes Auto tropfte“.

„Alle meine Kleider hatten Fettflecken, und weil ich keine Waschmittel und kaum Seife hatte, war das ein Problem“, erinnert sich Maria. “ Mir passierten schreckliche Dinge, wie bei meinem ersten Rendezvous, als ich einen Ölfleck auf meinem Stuhl hinterließ“. Aber jetzt schaut Maria nicht mehr zurück in die Vergangenheit, sondern sie sorgt sich um die Gegenwart. „Ich will nicht, dass mein Sohn durch so etwas durch muss; es reicht schon, dass es mir passiert ist“.

Maria ist anpassungsfähig; in diesen Tagen zieht sie es vor zu kochen, zu dünsten oder zu poschieren, statt zu braten.

Maria ist anpassungsfähig; in diesen Tagen zieht sie es vor zu kochen, zu dünsten oder zu poschieren, statt zu braten − übliche Verfahren in der kubanischen Küche, die in den letzten Jahrzehnten mangels Zutaten ärmer geworden ist. „Leute, die es wissen müssen, sagen, dass es ohne Öl gesünder ist und vielleicht haben sie damit sogar Recht, aber eine gute Ernährung drängt sich nicht mit einem Mangel auf, sondern man lernt sie mit der Möglichkeit auswählen zu können“, fügt Maria noch hinzu.

Übersetzung: Dieter Schubert


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