Sechs Jahrzehnte mit einer unerreichbaren Utopie

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Januar 2019; vor 60 Jahren begann ein Prozess, auf den Millionen Kubaner ihre Hoffnung setzten, ohne dass er heute den Träumen ähneln würde, die er ursprünglich auslöste. (Archivo)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 2. Januar 2019

Der alte Ramón war ein bartloser Jüngling, als Fidel Castro im Januar 1959 in die Hauptstadt Havanna hineinfuhr. Wenig später beschloss er Milizionär zu werden, um das zu verteidigen, was damals viele Kubaner stolz „die Revolution“ nannten. Heute, mit einer Rente von weniger als 20 Euros im Monat, lebt der Rentner von dem Geld, das ihm seine Enkel schicken, die auf die anderen Seite der Floridastraße emigrierten, in ein Land, auf das Ramón mit seinem Gewehr zielte, wenn er – mitten im Kalten Krieg – in einer militärischen Einheit auf Wache stand.

Im Januar 2019 jährt sich das Ereignis, auf das Millionen von Kubanern ihre Hoffnungen setzten, zum sechzigsten Mal, ohne das die Träume von Jugendlichen wie Ramón Wirklichkeit geworden wären, und ohne dass die, die auf der Insel blieben, ein freies und würdiges Leben gehabt hätten. Heute bezeichnen nur noch Wenige das politische Modell, das die Bärtigen nach der Machtübernahme etablierten, als „Revolution“. Stattdessen zieht man es vor „System“ zu sagen, oder einfach „das da“, oder „die Sache“. Von den Anführern in olivgrün, die von der Sierra Maestra herunter kamen, sind heute nur noch ein paar Achtzigjährige übrig, und denen begegnet die Bevölkerung weder mit Bewunderung noch mit Respekt.

Von den anfänglichen Verheißungen, die von Chancen für alle und bürgerlichen Freiheiten sprachen, hat auch fast nicht überlebt.

Von den anfänglichen Verheißungen, die von Chancen für alle und bürgerlichen Freiheiten sprachen, hat auch fast nicht überlebt. Statt individuelle und allgemeine Freiräume zu schaffen, hat der Castrismus ein rigoroses Gefüge aus Überwachung und Kontrolle aufrecht erhalten; es war seine erfolgreichste „Leistung“ und das dauerhafteste „Resultat“. Was die soziale Gerechtigkeit anbelangt, auch da gibt es wenig Anlass zu feiern. Auf den Straßen sieht man den sozialen Unterschied, der Regierungsbonzen von Rentnern, von Kubanern mit dunkler Hautfarbe und von der Landbevölkerung trennt. Die Neureichen halten Abstand zu denen, die jeden Tag ärmer werden.

Andererseits hat die Regierung in den letzten Jahren an Boden verloren, den sie an die Mechanismen des Marktes abtreten musste, die sie mit ihren Parolen so sehr kritisiert hat. Der private Sektor, mit mehr als einer Million Beschäftigten, hat die Ineffizienz des staatlichen Apparats bewiesen, wobei dieser Teil der Wirtschaft ständig an die Grenzen von Restriktionen stößt, die es für Unternehmertum und Kreativität weiterhin gibt. Nachdem der Platz der Revolution (Regierung) schon 1968 die bescheidenen Essensstände konfisziert hat, verkauft er die Insel jetzt Stück für Stück an ausländische Investoren.

Von den beiden „Kronjuwelen“, dem öffentlichen Unterrichtsystem und dem Gesundheitssystem, ist auch nicht mehr viel vorzeigbar. Diese öffentlichen Institutionen erreichen zunehmend den letzten Winkel des Landes, aber die Verschlechterung der Infrastruktur, die niedrigen Löhne von Lehrern und Ärzten − in Verbindung mit ideologischen Exzessen und einer hohlen Ethik − haben dazu geführt, dass Klassenzimmer und Krankenhäuser nicht mehr den Vorstellungen eines gebildeten Volkes entsprechen. Die gute medizinische Versorgung löste früher einmal den Beifall von vielen Tausend Kubanern aus, die sich versammelten, um den Marathon-Reden des Chefkommandanten zu lauschen.

Heute, wo man bei den offiziellen Feiern zum 60.Jahrestag von einem sozio-politischen Prozess spricht, werden nur noch Wenige ihn „revolutionär“ nennen wollen. Leute wie Ramón und seine Enkel ziehen Bilanz: was haben sie nicht erreicht, welche Illusionen mussten sie am Straßenrand „parken“, ….und dass dieses autoritäre System nicht funktioniert, das aus den Illusionen von damals hervorgegangen ist.

          Übersetzung: Dieter Schubert
Dieser Text wurde ursprünglich bei der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.


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