Die nicaraguanische Presse im Auge des Wirbelsturms

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Die Unterdrückung der Presse findet inmitten einer sozio-politischen Kriese statt, die nach Demonstrationen gegen Ortega mehrere Hundert „politische Gefangene“ zurückließ. (EFE)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 20. Dezember 2018

Es reichte ihnen nicht, die sozialen Proteste blutig niederzuschlagen und auch nicht hunderte Jugendliche zu verhaften, weil sie von ihrem Demonstrationsrecht Gebrauch machten. Daniel Ortega und Rosario Murilla mussten noch weiter gehen.

Im Dezember dieses Jahres stürmte die nicaraguanische Polizei die Büros der Tageszeitung Confidencial und die der TV-Programme Esta Semana und Esta Noche, mit der Absicht, die Chronisten eines Landes zum Schweigen zu bringen, in dem die Meinungsfreiheit seit Jahren ernsthaft in Gefahr ist.

Weshalb dieser Hieb gegen die Medien? Welchen Sinn hat es, gegen Journalisten anzukämpfen und die einhellige Verurteilung durch die internationale Journalistengilde in Kauf zu nehmen? Teilweise, weil es für ein autoritäres Regime nichts Schlimmeres gibt, als gewissenhafte Berichterstattung über dessen Exzesse und genaue Informationen zu Gewalt gegen die Bevölkerung.

Ein Reporter ist für Tyrannen der Staatsfeind Nummer eins, da er es vermag Aspekte der Realität zu Papier zu bringen, die der Regierungspalast gerne unter den Teppich kehren und vor Blicken verbergen würde. Er ist der unbequeme Zeuge, bereit dazu, das zu verbreiten, was Einige nie an die Öffentlichkeit gelangen lassen wollten.

Ein Reporter ist für Tyrannen der Staatsfeind Nummer eins, da er es vermag Aspekte der Realität auf Papier zu bringen, die der Regierungspalast gerne unter den Teppich kehren und vor Blicken verbergen würde

Jetzt, nach einer weiteren Drehung an der Schraube, hat eine neue repressive Phase des „Systems Ortega“ begonnen. In dieser Etappe konzentriert sich sein Kontrollapparat darauf, jegliche Spuren von Unabhängigkeit, die der Zivilbevölkerung noch bleiben, zu zerstören. Daher bilden NGOs, zivilgesellschaftliche Gruppen und Tageszeitungen das Zentrum seiner Attacken. Alles, was der Bevölkerung dazu dienen könnte, ihre Kräfte zu vereinen und sich über die Geschehnisse auf dem Laufenden zu halten, soll vernichtet werden; zumindest ist das die Absicht des einstmaligen Guerilla-Kämpfers, der sich zu einem Tyrannen entwickelt hat.

Aus diesem Grund ist die Solidarität anderer Presseorgane und der Reporter in allen Teilen der Welt so entscheidend − vor allem in Lateinamerika. Eine Redaktion „auszuradieren“ und ihr die Arbeitsmittel zu nehmen, ist, als würde man viele Tausend Personen in einer Sekunde knebeln und hunderte Münder verschließen, damit sie kein Wort mehr sagen. In allen Redaktionen und Fernsehsendern dieser Region der Welt sollten wir diese Woche Trauerkleidung tragen, in Gedenken an unsere nicaraguanischen Kollegen und auch als Zeichen der Empörung über den gefährlichen Schritt Ortegas.

Aber vor allem müssen wir in allen digitalen Medien, gedruckten Zeitungen, Zeitschriften oder Fernsehsendern daran erinnern, dass in den instabilen lateinamerikanischen Demokratien – und sogar in den Ländern mit autoritären Regierungen – die Presse ein wichtiger Eckpfeiler war, um den Menschen eine Stimme zu geben und über das gewaltsame Vorgehen der Regierung zu berichten.

Die fragilen Republiken, die nach den Unabhängigkeitskriegen entstanden sind und die Freiheiten, die nach Militärdiktaturen wiederhergestellt wurden, wären ohne die Arbeit von Journalisten Eintagsfliegen gewesen.

              Übersetzung: Lena Hartwig

Diese Kolumne wurde ursprünglich bei der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.


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