Kuba -Brasilien: der Kampf der „Weißen Kittel“

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Die Ärzte, die sich entschlossen haben in Brasilien zu bleiben, können für acht Jahre nicht nach Kuba zurückkehren.

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana |19. November 2018

 Der Konflikt war vorhersehbar. Seit Jair Bolsano die Wahlen in Brasilien gewonnen hat, nimmt die offizielle kubanische Rhetorik an Schärfe gegen ihn zu und stimmt die öffentliche Meinung auf einen sich anbahnenden Bruch ein.

 Der Tropfen, der für den Platz der Revolution (Regierung) in Havanna das Fass zum überlaufen brachte, waren Verlautbarungen des gewählten Präsidenten, in denen er darauf hinwies, dass er die vereinbarten Rahmenbedingungen für die mehr als 3.500 kubanische Ärzte ändern werde, die im Mais Médicos Programm in Brasilien arbeiten. In der vergangenen Woche erreichte die Spannung einen Höhepunkt, als das kubanische Gesundheitsministerium ankündigte, man würde den Vertrag kündigen und die kubanischen Experten aus dem südamerikanischen Land zurückholen. Diese offizielle Mitteilung, die in allen Nachrichtensendungen verbreitet wurde, sprach davon, dass man die Drohungen von Bolsonaro nicht hinnehmen würde; man vermied aber geschickt Bolsonaros Wortlaut in vollem Umfang wiederzugeben, besonders jenen Teil, in dem der ultrarechte Führer Brasiliens darauf bestand, dass die Ärzte ihr Gehalt in vollem Umfang erhalten sollten und ihre Familien ins Land mitnehmen könnten –  in der Zeit, in der sie im Programm tätig wären.

 Die kubanische Regierung hat aus der Entsendung von medizinischem Fachpersonal ein lukratives Geschäft gemacht. Fachleute, die man in mehr als 60 Länder entsendet, bilden die wichtigste Devisenquelle für das Land. Man schätzt, dass es sich dabei jährlich um mehr als 11.000 Dollar handelt. Im Fall Brasilien steckt Havanna 75% der 3.300 Dollar, die Brasilien jedem Arzt als Gehalt bezahlt, in die eigene Tasche; die Ärzte selbst erhalten nur den vierten Teil des Betrags. Auf ein kubanisches Bankkonto, auf das sie nicht zugreifen können, überweist man ihnen ein „monatliches Gehalt“, das etwa 60 Dollar entspricht, über das sie aber nur verfügen können, wenn zurückkehren.

 Wer aus freien Stücken das Programm Mais Médicos verlässt, wird als Deserteur betrachtet und man untersagt ihm für acht Jahr die Einreise nach Kuba. In den Jahren, in denen die Arbeiterpartei (PT, Partido de los Trabajadores) regierte, wurden Ärzte, die das Programm verlassen hatten, von der Polizei gesucht und sie konnten auf die Insel zurückgeschickt werden – wenn man denn ihrer habhaft wurde. Kein Arzt durfte seine Familie mitnehmen, um während der Mission mit ihr zusammen zu sein, und oft wohnte er in dieser Zeit in einer überfüllten Herberge, zusammen mit Arztkollegen, Krankenschwestern und medizinisch-technischem Personal.

Im Fall Brasilien steckt Havanna 75% der 3.300 Dollar, die Brasilien jedem Arzt als Gehalt bezahlt, in die eigene Tasche; die Ärzte selbst erhalten nur den vierten Teil des Betrags.

 Trotz all dieser Schwierigkeiten und trotz des geringen Verdienstes waren die Auslandsmissionen sehr begehrt, weil man Waren einkaufen konnte, die es auf den Märkten der Insel nicht gab. Darüber hinaus konnte man Kontakte knüpfen, eventuell einen Arbeitsvertrag in einer Klinik erhalten und so später privat nach Brasilien zurückkehren.

Weit über die medizinische Versorgung hinaus, die die Existenz von Mais Médicos für viele Brasilianern in den Armenvierte sicherte, versteckte sich hinter dem Programm eine politische Operation der kubanischen Regierung, mit der Absicht, der PT zu helfen und ihr die Stimmen der unteren Klassen zu garantieren. Es war klar, dass diese Art von Unterstützung mit Bolsonaro nicht weitergehen würde. So gesehen war es nur eine Frage der Zeit, bis der Castrismus seine Gesundheitsexperten aus Brasilien abziehen würde. Bleibt die Frage, wie viele von ihnen jetzt zurückkommen.

Der Präsident Brasiliens hat angekündigt, dass er allen Ärzten politisches Asyl gewähren werde, wenn sie es beantragen; es ist absehbar, dass eine ansehnliche Zahl mit Freuden davon Gebrauch machen wird. Die es tun verlieren für acht Jahre das Recht in ihr Land zurückzukehren, man wird sie Verräter nennen, und ihre Familien auf der Insel wird man vermutlich unter Druck setzten. Der Kampf der „Weißen Kittel“ hat gerade erst begonnen.

Übersetzung: Dieter Schubert

 


Dieser Text wurde ursprünglich auf der Seite für Lateinamerika der Deutschen Welle publiziert.

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