Pöbel bei den Vereinten Nationen

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Die kubanische Delegation bei der UNO sabotierte die Kampagne der Vereinigten Staaten zugunsten der politischen Gefangenen auf der Insel. (CubaONU)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana| 17. Oktober 2018

Anfangs mag folgende Szene vielleicht sogar nett erscheinen: eine Klassenkameradin aus der Grundschule, die beim Schreien wild mit den Armen rudert. Dann kommt die Grobheit im Gesichtsausdruck, bevor die Verkäuferin mit verzogenem Mund sagt: „Mädchen, aber warum hast du das aus dem Regal genommen, wenn wir den Artikel noch nicht mit dem Preis ausgezeichnet haben?“ Ebenso das Militär, das in der „Avenida de la Independencia“ Übungen veranstaltet, singt eine Parole, die mit dem vulgären Ausspruch „y nos roncan los cojones“ endet.

So sind mehrere Generationen von Kubanern mit der Idee aufgewachsen, dass Schreien, schlechte Worte verwenden, Andere beleidigen, verspotten und nicht sprechen lassen uns mutig, überlegen und wie „Machos“ aussehen lässt. Dazu hat zweifellos das beigetragen, was man „revolutionäre Pöbelei“ nennen kann; diese Unverschämtheit im Sprachgebrauch und in den Umgangsformen, die uns proletarischer und ärmlicher machen musste.

Innerhalb des Kodexes der sozialistischen Moral und kubanischer Grobheit wird es akzeptiert und als gut angesehen die Stimmbänder in voller Lautstärke zu benutzen, um sich in einer Diskussion durchzusetzen. Wenn noch dazu derjenige, der am lautesten brüllt einige Schimpfwörter im Zusammenhang mit den männlichen Geschlechtsorganen einbringt, wird er als Gewinner der Debatte gelobt und dafür gehuldigt, ein echter Kubaner zu sein.

Allerdings ist es einer der größten Fehler, die dieses System uns eingeflößt hat, Vulgarität mit Demut in Verbindung zu bringen. Meine Großmutter lebte ihr ganzes Leben lang in Cayo Hueso, im Zentrum von La Habana, und ich erinnere mich nicht daran, von ihr jemals ein schlechtes Wort gehört zu haben. Ich kenne unzählige Beispiele von Menschen, die nur einmal am Tag essen und ihren Kindern immer wieder Maximen wie „arm aber ehrlich“, „arm aber sauber“, „arm aber anständig“ wiederholen.

Bei mehreren Gelegenheiten musste ich das traurige Schauspiel von „Verstoβungsaktionen“ über mich ergehen lassen, bei denen ich mit wütenden Gesten und Beschimpfungen niedergeschrien wurde.

Bei mehreren Gelegenheiten musste ich das traurige Schauspiel von „Verstoβungsaktionen“ über mich ergehen lassen, bei denen ich mit wütenden Gesten und Beschimpfungen niedergeschrien wurde. Diese Situation als Individuum zu erleben ist eine Sache, die jeder auf seine Weise handhabt (ich habe viel über jene gelacht; das gebe ich zu); aber eine andere Sache ist, den Namen des Landes, in dem man lebt, mit solch rüpelhaften Verhaltensweisen verbunden zu sehen.

Ich schäme mit weiterhin für das bedauerliche Schauspiel der kubanischen Delegation bei den Vereinten Nationen. Ich weiß, dass die Delegation nicht alle Kubaner vertritt – nicht einmal die Mehrheit – aber ich kann nicht umhin daran zu denken, dass für die Anwesenden in diesem Raum und für alle jene, die die Schreie und die Schläge auf die Tische hörten und die von Zorn verzerrten Gesichter dieses „Stoßtrupps“ sahen, das das „Kuba“ ist.

Ich möchte mich für sie entschuldigen, auch wenn ich keine Spur von Verantwortung für das Geschehene habe. Ich missbillige solche Praktiken und auch das Verhalten der Regierung, die sie veranlasst hat. Ich muss mich jedoch entschuldigen, weil wir es zugelassen haben, dass diese Insel in den Händen von Menschen bleibt, die nicht die moralische Überlegenheit oder den Anstand haben, uns zu vertreten.

                Übersetzung: Berte Fleißig

 


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