Diskrete Internet-Tests auf mobilen Geräten lösen Frustrationen aus

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Ein junger Mann in Havanna hat sich ins wifi-Netz eingeloggt. (EFE)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 15.August 2018

Eine junge Frau telefonierte in einer Cafeteria und am Nebentisch bekam jemand das Gespräch mit. Innerhalb weniger Minuten waren die Blicke aller Anwesenden starr auf deren Handys gerichtet, um diese auf Internetzugang hin zu testen – so wie sie es in dem Gespräch der jungen Frau vernommen hatten. Kubas Telekommunikationsunternehmen nahm zwar in keiner Weise Stellung zu dem Thema, aber am vergangenen Dienstag um 11 Uhr wussten Tausende von Kunden im ganzen Land, dass endlich der Moment gekommen war, auf den sie seit Jahren gewartet hatten.

Weder die offizielle Website von Etecsa, dem Monopol im Bereich Telekommunikation, noch der öffentliche Kundendienst gaben im Vorfeld bekannt, dass Tests zur Internetverbindung durchgeführt wurden; nur unabhängige Journalismus-Websites und private Nutzerkonten in sozialen Netzwerken enthüllten die Angelegenheit. So kamen die Kubaner mit zwei Jahrzehnten Verspätung und umgeben von institutioneller Geheimhaltung über ihre Handys nun endlich mit dem World Wide Web in Verbindung. Obwohl die Erfahrung überwältigend war, verursachten die technischen Probleme mehr Frustration als Hoffnung.

Überlastung, die das Öffnen von Websites verhinderte, ständige Unterbrechung des Ladevorgangs, was zum Verlust des Datensignals führte und so den Download von Bildern in Anwendungen mit Multimedia-Inhalten unmöglich machte – dies waren die Schwierigkeiten, die den begierigen Internetnutzern, die sich erhoffte, in der virtuellen Welt Segel zu setzen, am meisten zu schaffen machten. So konnten sie gerade mal am Ufer des WWW plantschen.

Weder die offizielle Website von Etecsa, dem Monopol im Bereich Telekommunikation, noch der öffentliche Kundendienst gaben im Vorfeld bekannt, dass Tests zur Internetverbindung durchgeführt wurden

„Ich versuche es schon seit 20 Minuten und konnte nicht eine Website zu öffnen“, beschwerte sich ein junger Mann, der von dem „Pilotversuch“ durch einen Freund gehört hatte, der bei Etecsa arbeitet. „Den Mitarbeitern wurde gesagt, sie sollten nichts sagen, aber jeder hat bei seinen Freunden etwas durchsickern lassen“, erzählt er. Am Ende des Tages gelang es ihm, „vom Facebook-Messenger aus ein paar Nachrichten zu verschicken, sowie einen halben Artikel aus einer Zeitung in Florida zu lesen, weil dieser nicht vollständig geladen wurde“.

Der enttäuschte junge Mann war erst neun Jahre alt, als im Februar 2011 das Tiefseekabel Alba-1 Kuba mit Venezuela verband. Damals dachten die meisten Etecsa-Nutzer, dass es auch mit dem Internet nicht mehr weit hin wäre, aber die fehlerhafte Bedienung und die Angst von offizieller Seite aus, dass die Bürger aktiv in das Netz der Netze eindringen würden, verzögerten den Anschluss.

Danach folgte eine lange Phase der Verheimlichung und der Ausflüchte. Beamte behaupteten, dass die Regierung sich für die „soziale Nutzung“ neuer Technologien einsetzend würde, behielten aber Tarife für die Internetnutzung bei, die in keinem Verhältnis zu den nationalen Gehältern standen. Auch die so genannten wifi-Zonen wurden eingerichtet – ein letzter Versuch, die Ankunft des Internets im privaten Bereich zu verzögern, aber zumindest befriedigten sie das Verlangen von Millionen von Menschen nach Telekommunikation.

Der politische Fahrplan zur Vernetzung hat sich darauf konzentriert, den Moment zu verzögern, in dem der Kunde allein ist, in der Privatsphäre seines Hauses oder an einem abgelegenen Ort außerhalb von drahtlosen Zugangsbereichen, vor einem Bildschirm, mit dem er interagieren, veröffentlichen oder sich Gehör verschaffen kann. Aber Etecsa gingen die Argumente aus, der alte Vorwand des US-Embargos überzeugte die Kunden nicht mehr, und die Forderungen nach Internet auf Mobiltelefonen wurden unüberhörbar.

„Wir wurden gebeten, die Revolution in sozialen Netzwerken zu verteidigen, aber bei dieser Geschwindigkeit ist es sehr schwierig.“

Am Ende kündigte das schwerfällige Staatsunternehmen – eines der ineffizientesten der Welt – an, dass es noch vor Ende des Jahres den Zugang zum Internet über Prepaid-Handys ermöglichen wird. Postpaid-Nutzer und einige privilegierte Beamte oder offizielle Journalisten genießen diese Möglichkeit bereits seit Monaten, aber ihre Bewertung der Qualität der Navigation fällt sehr negativ aus.

„Es ist hoffnungslos langsam“, sagt eine junge Journalismus-Absolventin, die bei den lokalen Medien arbeitet und von einem Mobiltelefon profitiert, das mit dem Internet verbunden ist. „Wir wurden gebeten, die Revolution in sozialen Netzwerken zu verteidigen, aber bei dieser Geschwindigkeit ist es sehr schwierig“, versichert sie. Der Nutzen, den diese Verbindung für die junge Journalistin bisher hatte, reduzierte sich auf den „Austausch von Nachrichten bei WhatsApp und auf zwei klaglos gescheiterte Videokonferenzen via IMO.

Nach der gestrigen Erfahrung, verdorben durch Langsamkeit und technische Probleme, warten die Kunden nun darauf, dass Etecsa sich direkt zum Implementierungsplan dieses Services und den Tarifen der Datenpakete äußert. Sie wollen auch Betriebsgarantien, denn „für so etwas werde ich nicht so viel bezahlen, als wäre es wirklich ein Internetzugang“, sagte eine Frau diesen Dienstag im Büro von Etecsa.

Das staatliche Kommunikationsmonopol ist in Schwierigkeiten. Millionen von Kunden haben es satt zu warten, und viele von ihnen sind am 14. August dieses Jahres über ihr Handy ins Netz gegangen. Sie wollen die Erfahrung effizienter und mit völliger Freiheit wiederholen.

                             Übersetzung: Berte Fleißig


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