Ein Land im ‚wifi‘-Stress

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Kubaner loggen sich in staatliche ‚wifi‘-Netze ein. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 21. Juli 2018

Ein kleines Insekt fällt auf die Tastatur meines Laptops, einige Minuten später noch eines und das dritte landet auf meinem Hals. Ein paar Meter weiter schirmt ein bekannter Filmemacher den Bildschirm vor Sonnenlicht ab, eine Frau spricht laut von privaten Dingen, während sie in einer Videokonferenz mit einem emigrierten Familienangehörigen redet. Ein Straßenkater nähert sich meiner Tasche und verlangt Futter, aber ich habe nichts dabei, schließlich bin ich nur in eine ‚wifi‘-Zone gegangen, wenige Meter entfernt von meinem Haus.

Mit Glück habe ich eine Bank gefunden, auch wenn sie keine Lehne hat. Nach einer Stunde Surfen im Internet verlangt mein Rücken nach einer Unterstützung. Deshalb gehe ich in eine nahe Zone an der Treppe eines Gebäudes, schaue nach oben und bemerke, dass es keinen Balkon über meinem Kopf gibt, der verhindert, dass ein Bewohner Essensreste oder Abwasser geradewegs auf meinen Computer schüttet. Auf der Treppe habe ich einen guten Platz gefunden und meine Wirbelsäule freut sich über die Mauer, gegen die ich mich lehne.

Ein paar Minuten später bemerke ich einen unangenehmen Geruch. Offensichtlich benutzt jemand das nahe Gebüsch als Toilette; mit diesem Gestank verliert mein ideales „Büro“ seinen Charme. Ich gehe woanders hin. Ein paar Kinder spielen Baseball mit einem Schläger der Marke „Eigenbau“, deshalb lasse ich mich dort nieder, wo mein Laptop nicht in Gefahr gerät. Aber die Sonne nähert sich immer mehr diesem Platz und ich schätze, dass mir noch eine halbe Stunde bleibt, bis mich „der Indio“ (die Sonne) erreicht.

Es kommt Bewölkung auf; jetzt signalisiert der Akku, dass er nur noch über höchstens 15% Ladekapazität verfügt. Es gibt keine Ladestation in der Nähe, niemand „verkauft“ mir etwas Energie – was ein lukratives Geschäft in den ‚wifi‘-Zonen wäre. Also spare ich Energie und reduziere die Helligkeit des Bildschirms, aber bei der Helligkeit meiner Umgebung sehe ich fast nichts mehr. Es gelingt mir ein paar Mitteilungen via Twitter zu posten, meinen Posteingang zu checken und eine Anfrage betreffs Mitarbeit zu überfliegen, die unsere Zeitung 14ymedio erreicht hat.

Ein Regentropfen fällt zwischen die Tasten „D“ und „F“. Ich habe Glück; das bisschen Wasser ist nicht zwischen den beiden Tasten verschwunden und nicht bis zu Stromkreisen, zu elektrischen Kontakten oder bis zur Hauptplatine vorgedrungen. Mit Schweiß auf der Stirn wische ich die Feuchtigkeit ab und schließe den Laptop. Ich schaue mich um. Weil ich mich auf Web-Seiten und soziale Netze konzentriert habe, habe ich nicht bemerkt, wie sich ein zwielichtiges Subjekt nebenan hinsetzte und sich auf der Bank übergab.

Ich bringe alles in Sicherheit, erreiche einen guten Unterstand und warte darauf, dass der Platzregen aufhört. Unter dem kleinen Dach reden andere Internetbenutzer von Nachrichten, die sie gelesen haben, von Mitteilungen, die noch vor dem Regen eingegangen sind und von einem Formular für ein Visum, das sie wenigsten noch halb ausfüllen konnten; dass sie damit aber weitermachen würden, wenn die Sonne wieder hervor käme.

Trotz aller der Schwierigkeiten mit einem Zugang ins Netz, „pressen“ die Leute so viel Information wie nur möglich aus dem drahtlosen Signal heraus, das ihre Telefone, Tabletts und Computer noch erreicht. Tag für Tag sind diese improvisierten „Chatrooms“ voller Leben, obwohl die User für jede Stunde den exorbitanten Preis von einem CUC *) bezahlen. Jeder intelligente Mensch würde sagen, dass sich Arbeiten unter solchen Bedingung nicht mehr lohnt. Eigentlich sollte man nur noch mit Freunden chatten und miteinander lachen. Trotzdem nutzen Profis aller Art die ‚wifi‘-Zonen so gut wie möglich – unter einer tropischen Sonne, bei Regen, und sie erwehren sich sogar der Insekten und der hungrigen Katzen.

              Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung des Übersetzers:
*) Der CUC ist der mit dem Dollar konvertible Peso. 1CUC entspricht in etwa dem halben Tagesverdienst eines staatlichen Arbeiters.


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