Von der Kunst Künstler in „Feinde“ zu verwandeln

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Der Künstler Luis Manuel Otero Alcántara auf einer Parkbank in Havanna. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 10.November 2017

Er kritzelte etwas auf eine Mauer und sie steckten ihn mehrere Monate ins Gefängnis; er gründete eine oppositionelle Partei und sie klagten ihn an ein paar Sack Zement gekauft zu haben; er eröffnete ein unabhängiges Pressemedium und sie beschuldigten ihn des Vaterlandsverrats. Jeder Schritt in die Freiheit endete mit einer unverhältnismäßigen Unterdrückung, die sich nur mit der Angst erklären lässt, die die Bürokratie vor ihren eigenen Bürgern hat.

Der Fall des Künstlers Luis Manuel Otero Alcántara hat wieder einmal die Furcht gezeigt, die in den „höheren Sphären“ herrscht und vor allem bei dem ausartet, der aus dem zugewiesenen Pferch ausbrechen will. Die Polizei, die am vergangenen Montag auf der Suche nach belastendem Material in sein Haus eindrang, ist ausführendes Organ einer strafenden Politik, die systematisch gegen Kritiker des Systems vorgeht.

Die Säcke mit Baumaterial sind nur ein Vorwand, um Otero Alcántara „die Marterwerkzeuge zu zeigen“ und ihn in ein endloses juristisches Verfahren zu verwickeln. Was jetzt kommt läuft ab wie ein bekannter Film: ein schnelles Urteil, eine Strafe, mit der man ihn solange aus dem Verkehr ziehen kann, bis das Datum seiner unabhängigen Kunst-Aktion Bienal 00*) verstrichen ist –  und inzwischen flüstert ihm ein „guter Polizist “ ins Ohr, wie vorteilhaft es doch wäre zu emigrieren, um all dem Durcheinander zu entkommen.

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Otero Alcántara kurz nachdem er gegen Kaution aus dem Gefängnis freikam. (14ymedio)

Der Künstler verspürt alle Arten von Druck am eigenen Leib. Auf der einen Seite sagt ihm die Staatssicherheit, dass sein Aufruf zur Bienal 00 eine Provokation sei, die man nicht dulden könne; andererseits werden sich die Vereinigten Kubanischen Künstler von seinen Vorschlägen distanzieren. Einige von denen, die zunächst zugestimmt hatten am Kunst-Event teilzunehmen, werden E-Mails nicht mehr beantworten oder ihm mitteilen, dass sie unvorhersehbar verreisen mussten.

Andere werden ihn beschuldigen, dass er nur auf sich aufmerksam machen wollte; wieder andere werden ihm sagen, dass er den offiziellen Weg hätte gehen können, anstatt sich darauf zu stürzen einen parallelen Event zu organisieren. Es wird auch welche geben, die ihm vorwerfen, die rote Linie zwischen Kunst und Aktivismus überschritten zu haben und sich in die Politik zu drängen. Sarkastische Mitmenschen werden ihm jetzt zuflüstern, dass er sein Gesicht im nächsten „Game of Thrones“-Video zeigen könne, wenn er es denn von den „Kandidaten für die kubanische Präsidentschaft“ machen möchte.

Dennoch wird auch Solidarität auf ihn herabregnen und zwar von denen, die in den letzten Tagen auf die Verhaftung des Autors von „Wo ist Mella?“ (¿Dónde está Mella?) gewartet haben, eine Performance, die im alten „Manzana de Gómez„**) stattfand. Alcántaras Fall wird helfen der Welt zu zeigen, dass die Regierung von Raúl Castro den gleichen modus operandi anwendet, um Oppositionelle, Künstler und Journalisten zu attackieren.

Der Bürokratie ist es egal, ob ein Wagemutiger die Verletzung von Menschenrechten öffentlich macht, dabei mit Metaphern arbeitet oder Informationen hinterfragt. Von da an aufwärts – wer nicht Befehlen folgt verdient nur ein Wort: Feind. Luis Manuel Otero Alcántara ist jetzt für sie in dieser Kategorie.

          Übersetzung: Dieter Schubert

 

Anmerkungen des Übersetzers:

Bienal 00*) „Die Biennale der Menschen, die Biennale der Künstler“; mit diesem Aufruf hat Otero Alcántara sein Projekt Bienal 00 gestartet, um die 13.Biennale in Havanna zu ersetzen, die für 2018 vorgesehen war und auf Befehl der Regierung auf 2019 verschoben wurde.

Das „Manzana de Gómez“**) ist ein historisches Gebäude aus dem 20. Jahrhundert im Zentrum von Havanna, das 2017 als „Gran Hotel Manzana Kempinski“ wiedereröffnet wurde.

 

 

 

 

 

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