Segeln im Migrations Nonsense

regresar-Marina-Hemingway-embarcacion-umbrellatravel_CYMIMA20171102_0002_13

Ein Balsero, der vor sieben Jahren emigrierte, will mit seiner Yacht zurückkommen, aber die Marina ‚Hemingway‘ hat ihm gesagt, dass seine kubanische Familie nicht an Bord gehen kann. (umbrellatravel)

14ymedio bigger

YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 2.November 2017   

Drei Tage und dreißig Anrufe – so fasst Carla die Tage nach der Ankündigung der neuen Migrationsmaßnahmen zusammen. “Ich habe alle Nummern kontaktiert, die ich zur Hand hatte” berichtet sie, während sie bei sich zu Hause im Zentrum von Havanna eine Tasse Tee trinkt. Die ausgebildete Krankenschwester wartet sehnlichst auf das Wiedersehen mit ihrem Bruder, einem Balsero*), der Kuba auf einem Floß verlassen hat und nun seit sieben Jahren in Tampa (Florida) ansässig ist.

Trotz allem haben die Lockerungen, die ab dem 1.Januar in Kraft treten, im Gewirr der Verbote der kubanischen Migrationspolitik mehr Unsicherheit als Klarheit geschaffen. “Mein Bruder möchte mit seiner Yacht kommen und es der Familie ermöglichen an der Küste entlang zu fahren und sogar zu fischen”, erklärt sie.

Einige Anrufe bei der Marina ‚Hemingway‘ haben die Krankenschwester schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkommen lassen. “Ihr Bruder kann im Boot einlaufen, aber kubanische Staatsbürger, die auf er Insel leben, dürfen noch keinen Bootsausflug unternehmen”, erklärte ihr eine Stimme auf der anderen Seite der Leitung. Carla stößt sich also an den Grenzen der Gesetzeslage, die sich in keiner Weise verändert haben.

Jahrzehntelang waren die Kubaner wie in aufeinanderfolgenden Kisten eingesperrt, die sie daran hindern sollten Entscheidungen verschiedenster Art zu treffen – Entscheidungen über diejenigen, die das Land regieren, wie auch über die Wahl der Zeitungen, die man lesen wollte. In den letzten zehn Jahren sind einige dieser Restriktionen zwar überflüssig, abgeschafft oder geändert worden; der “harte Kern” jedoch bleibt bestehen.

Im Mittelpunkt so vieler Einschränkungen steht die Überzeugung der Regierung, dass mehr Entscheidungs- und Handlungsspielraum dazu führen können, dass die Staatsbürger die aktuelle Regierung stürzen. Eine Bootstour entlang der kubanischen Küste könnte zur Folge haben, dass Carlas Familie sich fragt, warum ihnen dieses Vergnügen so lange verwehrt wurde – und somit ihre Unzufriedenheit steigern.

Trotz alledem haben die Lockerungen, die ab dem 1.Januar in Kraft treten, im Gewirr der Verbote in der kubanischen Migrationspolitik mehr Unsicherheit als Klarheit geschaffen.

Was diese hypothetische und lang ersehnte Tour auslösen kann, hat längerfristig Folgen für die Verwandtschaft.

Die Mutter, deren monatliche Rente nicht höher als 15 Dollar ist, wird vor Freude weinen, wenn sie vor ihrem Tod die versteckte Seite des „Morros“ **) sieht, ein Privileg, das vielen Einwohnern Havannas verwehrt bleiben wird. Vielleicht verschluckt sie sich auch am Schwanz einer Languste, die neulich von ihrem Sohn aus dem Wasser gezogen wurde – “der Feind, der vor der Revolution floh” – so wie er vom Präsidenten des Gremiums zur Verteidigung der Revolution in dem Moment klassifiziert wurde, als er von seiner Abreise erfuhr.

Sobald das Festland verschwindet und sich die beiden im unermesslichen Blau in Sicherheit befinden, wird Carla dem Floßfahrer sehr wahrscheinlich erzählen, wie sie Medikamente aus dem Krankenhaus stiehlt und diese auf dem Schwarzmarkt verkauft und dass sie von einer Migrationspolitik der “Familienzusammenführung” träumt, dank derer sie das Land verlassen kann. “Das hier kann keiner aushalten“, wird sie ihm – geschützt von Wind und Wellen – gestehen.

Wenn sich diese Meeresstraße öffnen würde, würde eine Trennwand in der versiegelten Box unwiederbringlich in sich zusammenfallen. Eine innere Wand aus Angst und Mangel an Möglichkeiten wird ernsthaft beschädigt werden. Daher muss der Staat, der sich dieser Tatsache durchaus bewusst ist, momentan alle Konsequenzen einer derartigen Veränderung in Betracht ziehen.

Momentan und so wie die bisher Dinge laufen, scheint es so, als ob der Bruder der Krankenschwester als Ausgewanderter in den Genuss von etwas kommen wird, was seinen Verwandten auf der Insel untersagt bleibt. Diese Widersprüche resultieren aus den halbherzigen Reformen; aber radikale Änderungen lösen Angst in der Führungsriege aus.

Bei ihrer Tasse Tee wählt Carla weiterhin Nummern, um jemanden zu finden, der ihr eine einfache Fragen beantworten kann: “Können wir auf das Boot, um an der Insel entlang zu schippern?” Niemand riskiert es, diese Frage mit Sicherheit zu beantworten, aber viele warten darauf, dass jemand einen „falschen Schritt“ macht und diese und andere Mauern zu bröckeln beginnen.

     Übersetzung: Berte Fleißig

Anmerkungen der Übersetzerin:

Balseros*) – von „balsa“ („Floß“) – der  Begriff wird für Kubaner verwendet, die versuchen die Floridastraße von Kuba aus zu überqueren, um in den Vereinigten Staaten ein besseres Leben zu finden.

El Morro**) ist ein Felsen in der Hafeneinfahrt von Havanna, auf dem sich das „Castillo de los Tres Reyes del Morro“ (die Festung der „Heiligen Drei Könige“) befindet. Dort steht auch der markante Leuchtturm der Stadt. (Wikipedia)

Hinterlassen Sie uns ein Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s