Martí aus New York, ohne Visum und mit Schreibfehlern

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1853Das Reiterdenkmal des kubanischen Nationalhelden José Martí befindet sich seit 1950 im Central Park in New York und nun auch in Form einer Replik in Havanna (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 19. Oktober 2017    Man sieht ihn zur Seite geneigt und mit starrem Blick. Er ist tödlich verletzt und die Bronzestatue hält jene letzte Sekunde fest, die ihn von der Unsterblichkeit trennt. Eine Replik der Statue von José Martí, die sich seit 1950 im Central Park in New York befindet, hat nun einen Platz in Havanna. Am Donnerstagnachmittag unter einem strahlend blauen Himmel sahen wir die Umrisse der Statue schimmern und den Sockel leuchten. Auch die unverzeihlichen Schreibfehler in der Gedenktafel waren nicht zu übersehen.

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APOSTEL DER UNABHÄNGIGKEIT KUBAS / FÜHRER DER AMERIKANISCHEN VÖLKER UND PALADIN DER MENSCHLICHEN WÜRDE / SEIN LITERARISCHES GENIE WETTEIFERTE MIT SEINER POLITISCHEN WEITSICHT / ER WURDE AM 28. JANUAR 1853 IN HAVANNA GEBOREN / ER LEBTE WÄHREND SEINER VERBANNUNG 15 JAHRE IN NEW YORK / ER FIEL AM 19. MAI 1895 IM GEFECHT BEI „DOS RIOS“ IN DER PROVINZ ORIENTE (14ymedio)

Auf der Gedenktafel erkennt man zwei Schreibfehler:

“Cuidad” (passt auf) anstelle von “ciudad” (Stadt) und die Verbform “nació“ (er wurde geboren) umgewandelt in ein entstellendes „nacío“ (diese Verbform gibt es nicht). Dies sind zwei der „Perlen“, die in den glänzend schwarzen Granit graviert wurden, dessen Inschrift ab dieser Woche Tausende Kubaner und Besucher aus dem Ausland lesen werden. Der Schreibfehlerteufel und die mangelnde grammatikalische Genauigkeit haben dem Mann, der die Worte liebte und sie mit bewundernswerter Leidenschaft kultivierte, übel mitgespielt.

Mehr als fünf Meter hoch und drei Tonnen schwer, so wurde die Statue wenige Meter entfernt vom alten Präsidentenpalast aufgestellt. Ihre wunderschönen Linien sind eine Kopie des Kunstwerks – geschaffen von der Bildhauerin Anna Hyatt Huntington – das auf einem kleinen Platz im südlichen Teil des Parks in New York in die Höhe ragt, neben den Denkmälern von Simón Bolívar und José de San Martín.

Die fehlerhafte Inschrift auf dem Monument in Havanna, bei der unklar ist ob sie mit der Statue nach Kuba kam oder aus heimischer Produktion stammt, ist eine Beleidigung für den Poeten der Versos Sencillos1). Es ist eine Sache, einen mangelhaft überprüften Satz auf ein Blatt Papier zu schreiben; ihn aber in Stein zu meißeln gibt dem Denkmal einen Anflug von Improvisation und ist letztlich eine große Rücksichtslosigkeit gegenüber der Sprache.

Einige werden sagen, das sind nur kleine Details, aber ein Absolvent in Philosophie und Literatur verdient mindestens, dass ein guter Korrekturleser seine Gedenktafel überprüft.

Das Reiterdenkmal kommt zudem in einer schwierigen Zeit. In Philadelphia gegossen gelangt das Denkmal auf die Insel inmitten wachsender Spannungen mit den Vereinigten Staaten. Die Figur, die das Zusammenfinden zweier Nationen repräsentieren sollte – wie es im Leben von Martí stattfand – ist nun eine Erinnerung an ein verkümmertes diplomatisches Tauwetter, das nur kurz anhielt – und an eine Zeit, die unwiederbringlich verloren ist.

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Ein Mann, der ein T-Shirt mit der Flagge der USA trägt, gibt dem Denkmal in Havanna den letzten Schliff (14ymedio)

Daher mangelte es während der Aufstellung nicht an Scherzen der nahen Anwohner, „ob der Apostel wohl ein Visum für die Einreise beantragt hatte“. Die Menschen verlieren nie ihren Humor. Der traurige Scherz bezieht sich auf die Schwierigkeiten, die Kubaner überwinden müssen, um in das Nachbarland im Norden zu reisen – gerade jetzt nach dem Skandal mit den akustischen Attacken2), zu denen es mehr Fragen als Antworten gibt.

Wie das Leben so spielt trug der Arbeiter, der einige Details am Denkmal fertigstellte, stolz ein T-Shirt mit dem Sternenbanner. Ebenso wie die Schreibfehler, niemand bemerkte es,  kein Funktionär kam um zu kontrollieren was dort vor sich ging.

     Übersetzung: Lena Hartwig

Anmerkungen der Übersetzerin:

1) In mehr als 10 Sprachen übersetzte Gedichtsammlung und das letzte Werk von José   Martí.

2) In letzter Zeit gibt es akustische Attacken auf Angehörige der US-Botschaft in Havanna. Dabei ertönt aus dem Telefonhörer oder dem Computer ein ohrenbetäubender schriller Lärm, ähnlich dem eines lauten Grillenkonzerts – Herkunft unbekannt.

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