Verbrechen oder Kampf

Ernesto-Guevara-Higuera-Bolivia-DR_CYMIMA20170729_0001_16

Ernesto Guevara kurz vor seinem Tod im Jahr 1967 in La Higuera, Bolivien (D.R.)

14ymedio bigger

Reinaldo Escobar | 14ymedio.com | 5.Oktober 2017

Ein halbes Jahrhundert nach dem Tod Ernesto Che Guevaras hat sich die offizielle kubanische Darstellung über das, was sich am 9.Oktober 1967 in La Higuera ereignete signifikant geändert.

Nachdem die Propaganda der Kommunistischen Partei Kubas jahrzehntelang wiederholt hatte, dass der Che in einer bolivianischen Dorfschule ermordet wurde, schreibt vor allem die Granma die Geschichte jetzt dahingehend um, dass „der heroische Guerillero im Kampf gefallen ist“.

Diese Änderung ist keine kleine Sache, wenn man in Betracht zieht was es bedeutet, in einer bewaffneten Auseinandersetzung zu sterben und zudem noch heroisch, weil so der Tote kein Opfer sondern handelnder Teil in einem Konflikt war. Mit einem Federstrich hat sich die amtliche Propaganda dazu entschlossen, die Version „Verbrechen“ beiseite zu legen und der „militärischen Epik“ den Vorzug zu geben; somit bleibt die Schuld bei denen, die den Schießbefehl gaben.

Nachdem die Propaganda der Kommunistischen Partei Kubas jahrzehntelang wiederholt hat, dass der Che in einer bolivianischen Dorfschule ermordet wurde, schreibt vor allem die Granma die Geschichte jetzt dahingehend um, dass „der heroische Guerillero im Kampf gefallen ist“.

Wäre Guevara nicht unter jenen kriegerischen Umständen gestorben, vielleicht hätte er den 14.Juni als dann Neunzigjähriger feiern können, wenngleich andere sagen, dass er in Wirklichkeit am 14.Mai geboren wurde. Wie bei allen Menschen, die zu einem Mythos wurden, ist deren Biografie gespickt mit Widersprüchen und dunklen Seiten, Polemik und Halbwahrheiten. Auch die Daten, wann er in diese Welt kam und wann er sie verließ, werden in Frage gestellt.

Vielleicht, wenn dieser Argentinier nicht in La Higuera gestorben wäre, hätte er seine Tage in einem verstaubten Büro eines Ministeriums beenden können oder er wäre – fern der politischen Macht – einer Säuberungsaktion zum Opfer gefallen, wie es sie vor einem halben Jahrhundert gab. In keinem Fall würde es heute so viele Legenden über sein Leben geben und auch keine Filme, die ihn wahlweise idealisieren oder stigmatisieren.

Ohne die Gewehrschüsse, nachmittags um 1.10 Uhr in jenem kleinen Klassenzimmer, hätte sich das emblematische Foto, auf dem man ihn mit langen Haaren und einem in die Ferne gerichteten Blick sieht nicht in eine Ikone des 20.Jahrhunderts verwandelt; es würde nicht die Regale von Souvenirläden füllen und nicht auf den T-Shirts so vieler Jugendlicher auftauchen.

Mit geringen Abweichungen stimmen alle Berichte darin überein, dass Guevara am 8.Oktober 1967 gefangen genommen wurde und einen Tag später, ohne dass ein Gerichtsverfahren stattfand, sein Leben durch die Hand eines bolivianischen Soldaten verlor, der Befehle seiner Regierung ausführte. Guevara war zu dieser Zeit waffenlos und verletzt.

Andere Versionen beschuldigen direkt oder indirekt die CIA, besonders Félix Rodríguez*) – ein Kubaner in amerikanischen Diensten.

Kuba bleibt weiter dabei des Todes von Guevara am 8.Oktober zu gedenken, weil Fidel Castro in seiner ersten offiziellen Information diesen Tag als Todestag nannte.

Beim Gipfeltreffen Lateinamerikanischer Staaten im April 2015 in Panama wiesen kubanische Medien darauf hin, dass Rodríguez dort erschien, um einigen kubanischen Oppositionellen zu begegnen, die wie er am Treffen teilnahmen. Abgesehen von provokativen Attacken, die der Platz der Revolution (Regierungssitz) initiiert hatte, beschuldigte man die Aktivisten, dass sie angereist wären, „um den Mörder des Che zu umarmen“. Jene Person scheint heute vom Vorwurf der Tötung entlastet zu sein, auf Betreiben und dank einer regierungsfreundlichen Presse.

Kuba bleibt weiter dabei des Todes von Guevara am 8.Oktober zu gedenken, weil Fidel Castro in seiner ersten offiziellen Information diesen Tag als Todestag nannte. Deswegen gibt es an diesem Sonntag in mehreren Konzertsälen ein übereinstimmendes Programm mit symphonischen Werken, Lesungen und Liedern.

In Santa Clara steht ein Monument mit den sterblichen Überresten von anderen Kubanern, die in Bolivien während des Guerilla-Kriegs gefallen sind; dort wird die Hauptveranstaltung stattfinden um an den Todestag von Che Guevara zu erinnern. Keiner der Anwesenden wird es wagen, die signifikante Änderung zu hinterfragen, die der Gedenktag erfahren hat.

              Übersetzung: Dieter Schubert

 

Anmerkung des Übersetzers:

*) Nach der Gefangennahme Che Guevaras durch bolivianische Soldaten im Oktober 1967, verhörte ihn Rodríguez, wogegen sich Guevara jedoch weigerte. Nach eigenen Angaben war es Rodríguez, der den Befehl der bolivianischen Militärführung zur Erschießung Guevaras an die örtlichen Soldaten übermittelte. (Quelle: Wikipedia)

 

Hinterlassen Sie uns ein Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s