Good morning, Lenin!

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Raúl Castro beobachtet die vielen Menschen, die vor den Politikern auf dem Platz der Revolution am Umzug teilnehmen. (CC)

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      YOANI SÁNCHEZ  | GENERACIÓN Y | 02. Mai 2017    Die Lautsprecher summten in der Ferne. Ihr Echo erfüllte das Viertel, wo viele den arbeitsfreien Montag dafür nutzten auszuschlafen, fernab des Protests anlässlich des 1. Mais, dem Tag der Arbeit, und der Parolen auf der Plaza de la Revolución. Die Schreie ins Mikrofon verloren sich in dieser Willenslosigkeit, wie eine verstimmte und fremde Musikband. Am Tag der Arbeit zeigte der Regierungsapparat seinen tropischen Chauvinismus.

Ich wachte auf, wie in dem deutschen Film Good Bye, Lenin!, und hatte das Gefühl, eine Zeitreise gemacht zu haben. Aber meine Reise brachte mich nicht in eine Zukunft voller unklarer Umrisse, sondern zurück in die Vergangenheit. Die Worte vom Generalsekretär der Central de Trabajadores de Cuba, dem kubanischen Gewerkschaftsbund, versetzten mich zurück in eine Zeit der ideologischen Prahlerei, in Jahre, in denen der russische Bär uns Rückendeckung gab und Kuba Soldaten in den südamerikanischen Urwald schickte, sowie Astronauten ins All.

Die Ansprache von Ulises Guilarte de Nacimiento roch nach Naphthalin; sie passte nicht in die Zeit, in der wir leben. In seinen wütenden Sätzen lag ein Nationalismus, der sowohl lächerlich als auch altmodisch war, und zudem politisch an fast keinem Ort auf diesem Planeten korrekt. Er sprach von Heldentaten, die der Großteil der Bevölkerung nie erlebt hat und obendrein kannte er nicht die Forderungen der kubanischen Arbeiterklasse. Er sprach in der Vergangenheit, verwendete die Rhetorik von den Unruhestiftern des letzten Jahrhunderts und übertrieb wie ein jeder gute Opportunist.

Es fehlten die Proteste der Arbeiterschaft, die Forderungen nach mehr Unabhängigkeit für die Gewerkschaften, die Beschwerden wegen der schweren Verstöße gegen die Sicherheit und Hygiene am Arbeitsplatz, die im ganzen Land zu finden sind, und die lebensnotwendige Forderung nach angemesseneren Gehältern in Anbetracht der hohen Lebenshaltungskosten.

Ich dachte an all die Themen, die nicht auf den Tisch gebracht wurden, an all die Forderungen der Arbeiterschaft, die nicht ausgesprochen wurden, weil der Akt mehr von Ideologie als von Klassenbewusstsein geprägt war. Es fehlten die Proteste der Arbeiterschaft, die Forderungen nach mehr Unabhängigkeit für die Gewerkschaften, die Beschwerden wegen der schweren Verstöße gegen die Sicherheit und Hygiene am Arbeitsplatz, die im ganzen Land zu finden sind, und die lebensnotwendige Forderung nach angemesseneren Gehältern in Anbetracht der hohen Lebenshaltungskosten.

Stattdessen nutzte die Regierung den Tag lieber zu politischen Zwecken und verwendetet wie schon in der Vergangenheit eine Tribüne mit ihrer klaren Anordnung: Regierung oben und Arbeiter unten. Es wurden mehr als tausend ausländische Gewerkschafter und Aktivisten eingeladen, damit sie mit eigenen Augen den „Enthusiasmus der kubanischen Arbeiterschaft“ sehen, aber die Veranstaltung war nur eine verwaschene Wiederholung von jenen anderen, die in den Ländern des ehemaligen sozialistischen Lagers stattfanden.

Wo waren all jene Arbeiter, die am Internationalen Tag der Arbeit aufmarschiert waren, als die Berliner Mauer fiel? Und als die UdSSR zusammenbrach, was machten jene Angestellte mit Medaillen auf der Brust, die Parolen auf jenen Plätzen schrien, um dies zu verhindern?

An jenem Montag reiste ich nicht in die Vergangenheit. Traurigerweise befand ich mich aber in der Gegenwart meines Landes. Eine Insel, die den Bezug zur Gegenwart verloren hat und 11 Millionen Menschen sind daher in der Vergangenheit gefangen.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

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