Revolutionäre „Gerechtigkeit“

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Zwei Frauen steigen in Havanna in ein Sammeltaxi („Almendrón). (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ  | GENERACIÓN Y | 28. Februar 2017  Die Entfernung zwischen dem Kapitol in Havanna und der Sportstadt ist immer noch dieselbe, aber trotzdem scheint sie sich verändert zu haben. Mit den Höchstpreisen, die die Stadtverwaltung für private Taxifahrten angeordnet hat, ist diese Strecke wesentlich größer geworden, und ausweichen ist schwierig. Wo man früher 5 bis 15 Minuten warten musste, um in ein Oldtimer-Sammeltaxi („Almendrón“*) einzusteigen, wartet man jetzt eine halbe Stunde.

So weit, so schlecht. Wer sich jetzt die Hände reibt, weil der Preis für eine Fahrt jetzt niedriger ist, sollte begreifen, dass mit dem Eingreifen des Staates ein fragiles Gefüge durcheinander geraten ist, in dem Angebot und Nachfrage regierte. Als Zeichen des Protests reduzieren die privaten Taxifahrer („boteros“ genannt) ihre Fahrten, und viele bleiben zu Hause und denken darüber nach, ob es sich überhaupt noch lohnt, so viele Stunden hinter dem Steuer zu verbringen, wenn man damit immer weniger verdient.

Der Schaden trifft uns alle. Den Neureichen, der ein Restaurant betreibt; die Ärztin, die in ein Krankenhaus kommen muss; den alten Mann, der zu seinem regelmäßigen Gesundheitscheck fährt und den Studenten, der seine Centavos zählt, mit denen er bis Monatsende auskommen muss. Für eine soziale Klasse, die zwischen 10 und 20 Pesos** für eine Fahrt bezahlen kann, ist dies kein Tritt gegen das Schienbein. Für alle aber, die bei irgendeiner Gelegenheit oder auch nur sporadisch dieses Transportmittel benutzen, ist es ein schwerer Schlag.

Die offizielle Propaganda legt sich mit den Beschäftigten des privaten Sektors an; sie kuscht aber vor einem „ausbeuterischen“ Staat, der solche Hungerlöhne bezahlt.

Wie vielen anderen Einschränkungen bei „revolutionären“ Prozessen, so haftet auch dieser Maßnahme ein „Geruch“ von falscher Gerechtigkeit an – und ein Nimbus von angeblichem Egalitarismus. Die offizielle Propaganda legt sich mit den Beschäftigten des privaten Sektors an, wo die „boteros“ für eine Fahrt einen halben Tagelohn verlangen; sie kuscht aber vor einem „ausbeuterischen“ Staat, der solche Hungerlöhne* bezahlt.

In TV-Reportagen werden Passanten angesprochen, um den Moment einzufangen wenn sie sagen „das war ein Missbrauch, der nicht so weiter gehen konnte“ oder „jetzt sind die Preise näher am Geldbeutel“. Man schweigt aber zu den Regalen in den staatlichen Läden, wo ein Liter Olivenöl einen Zweitageslohn kostet und ein Kilo Huhn so viel wert ist, wie eine Woche harte Arbeit.

Werden sie Höchstpreise auch für diese Märkte einführen? Wird sich die Stadtverwaltung mit dem Vertriebsnetz der Einzelhändler anlegen, wo ein Vater einen halben Monatslohn hinlegen muss, wenn er seinem Sohn ein Paar Schuhe kaufen will? Die revolutionäre Gerechtigkeit ist in diesen Fällen einäugig, sie sieht nur das, was ihr taugt.

Anm. des Übersetzers

* “Almendrón“ werden auf Kuba die historischen Fahrzeuge genannt (z. B. Mercury, Ford, Chevrolets oder Cadillacs), die vor dem Jahr 1960 gebaut wurden (vor dem US-Embargo). Ungefähr 75.000 dieser Fahrzeuge wurden zwischen den Jahren 1920 – 1950 in den USA hergestellt und verkehren noch heute auf den Straßen Kubas, meist als Taxis.

** Der Text erwähnt einen (spartenabhängigen) Tageslohn von 20 bis 40 CUP (kubanische Pesos); aktuell sind das etwa 20 bis 40 Eurocent.

Übersetzung: Dieter Schubert

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