Die Alternative von Raúl Castro

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Raúl Castro spricht auf der Trauerfeier für Fidel Castro in Santiago de Kuba. (EFE)

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CARLOS ALBERTO MONTANER | Miami | 10. Dezember 2017   Raúl Castro ist übrig geblieben. Sein Mentor ist ihm abhanden gekommen, seine Vaterfigur, der Mann, der sein Leben prägte und ihm Waffen in die Hand drückte, wortwörtlich, von seiner Bedeutungslosigkeit an bis zum ersten Mann im Staat. Fidel tat all dies schroff und ließ ihn bisweilen merken, dass er ihn wegen seiner intellektuellen Beschränktheit verachtete. Das hörte nie auf ihn zu schmerzen.

Schon vor vielen Jahren hat Raúl gemerkt, dass Fidel das eigentliche Problem der Revolution ist: sein eigenwilliger Voluntarismus*, sein störrisches Gehabe, seine überraschenden Einfälle, seine hassenswerte Manie, Zeit mit Gesprächen und nicht enden wollendem Geschwafel zu verschwenden. Raúl wusste aber auch, dass es ohne Fidel keine Revolution gegeben hätte. Einerseits bewunderte er ihn, andererseits lehnte er ihn ab. Fidel hatte monströse und faszinierende Züge; wenn er acht Stunden ununterbrochen redete, ohne an die eigene Blase oder an die des wehrlosen Zuhörers auch nur die geringste Konzession zu machen.

Trotzdem, das Leben hatte Raúl gelehrt, dass es ein noch tiefergehendes Problem gab: den Marxismus-Leninismus, an den er in seiner Jugend felsenfest glaubte und für den er ohne zu zögern tötete; für die Gesellschaft war es ein fehlerhafter Ansatz, der zu einer fortschreitenden Verarmung (des Landes) führte.

Auch wenn Fidel anders oder die Beziehungen zu Washington besser gewesen wären, nichts Wesentliches hätte sich geändert.

Auch wenn Fidel anders oder die Beziehungen zu Washington besser gewesen wären, nichts Wesentliches hätte sich geändert. Die Unproduktivität des Systems hing nicht von den Irrtümern oder vom Charakter Fidels ab, und auch nicht vom Wirtschaftsembargo, sondern von der Unfähigkeit des Systems, sich an die menschliche Natur anzupassen – das musste scheitern.

Genau das geschah in der UdSSR, in Ostdeutschland, in der Tschechoslowakei und Polen. Es spielte keine Rolle, ob die Betroffenen Slawen, Germanen oder Lateinamerikaner waren. Rumänien „genoss eine bevorzugte Behandlung“ durch die die Vereinigten Staaten.

Es spielte auch keine Rolle, ob der Kommunismus in Gesellschaften mit christlichen, islamischen oder konfuzianischen Wurzeln Fuß fasste; er scheiterte unvermeidlich. Es hing auch nicht von der persönlichen Eignung oder dem Bildungsabschluss der Staatslenker ab. Da gab es ein breit gefächertes Spektrum: Rechtsanwälte, Gewerkschafter, Professoren, Lehrer, sogar Arbeiterführer. Keiner schaffte es.

Für Raúl Castro war es leicht nachzuvollziehen, dass die Marktwirtschaft, mit dem einfachen Konzept, Aktive zu prämieren und Willensschwache zu bestrafen, große wenn auch unterschiedliche Früchte trug. Sein Vater Ángel Castro, er stammte aus Galizien, war dafür ein lebendes Beispiel: Er kam ohne einen Centavo in die Republik Kuba, sehr jung und sogar ohne Ausbildung; als er aber 1956 starb, hinterließ er ein Vermögen von 8 Millionen Dollar und einen gut organisierten landwirtschaftlichen Betrieb, in dem mehrere Dutzend Menschen arbeiteten. Er hinterließ eine reiche Familie, ausgebildet an guten katholischen Privatschulen.

Die Aufgabe, vor der Raúl jetzt steht, ist die: wie kann man den Unsinn abstellen, den sein Bruder und er selbst vor fast 60 Jahren initiiert haben, ohne dass die Trümmer des untauglichen Systems ihn unter sich begraben. So wie die Dinge jetzt liegen, weiß er, dass die „Begradigungen“ – wie man auf Kuba seine vorsichtigen und manchmal kindischen Reformen bezeichnet – nur Flickschusterei an einem nicht zu rettenden sozialistischen System sind, dessen Zustand sich wegen der militärischen Führungsrolle bei allen wirtschaftlich wichtigen Unternehmungen des Landes verschlimmert hat; aber Raúl hat mehrmals gesagt, dass er als Nachfolger seines Bruders nicht angetreten ist, um den Kommunismus zu beerdigen, sondern ihn zu retten.

Ich vermute, dass er es schon weiß, dass es für den Kommunismus keine Rettung gibt. Man muss ihn beerdigen. Das war es, was Michael Gorbatschow entdeckte, als er sich um seine Rettung bemühte, indem er drastische Reformen auf den Weg brachte: Perestroika (Umgestaltung) und Glasnost (Offenheit). Er war überzeugt, dass das bestmögliche und produktivste Gesellschaftssystem transparent sein müsse, damit Menschen in einer angstfreien Atmosphäre miteinander reden können.

Im Verlauf weniger Jahre richtete sein Vorgehen den Kommunismus zu Grunde, nicht wegen der Ungeschicklichkeit der Verantwortlichen, sondern wegen der Widersprüche im System selbst, und wegen der schlechten theoretischen Formulierung des Marxismus-Leninismus. Die zentrale Planwirtschaft war Unfug. Die Abstrafung von Produktionsmechanismen in privaten Händen war kontraproduktiv. Die Komitees, die Preise festlegten, hatten nicht die geringste Ahnung, weder von den Bedürfnissen der Menschen, noch von der Wirklichkeit. Die ständige Anwesenheit von politischer Polizei zerstörte das Zusammenleben und erzeugte psychologisches Unwohlsein.

Als Raúl Castro Gorbatschows Buch Perestroika las, war er davon so begeistert, dass er eine private Ausgabe für seine Offiziere in Auftrag gab.

 Als Raúl Castro Gorbatschows Buch Perestroika las, war er davon so begeistert, dass er eine private Edition für seine Offiziere in Auftrag gab. Fidel bekam davon Kenntnis, beschimpfte ihn auf herabwürdigende Weise und befahl, die Exemplare einzuziehen. Fidel war nicht am materiellen Wohlbefinden seines Volkes interessiert, sondern an der Erhaltung der Macht. Der Gorbatschowismus – sagte er – würde zum Verschwinden des Kommunismus führen.

Er hatte Recht, wenn auch nur teilweise. Raúl steht vor der gleichen Alternative, mit der schon Gorbatschow konfrontiert war; erschwerend aber ist, dass heute eigentlich niemand mehr – abgesehen von hoffnungslosen Dummköpfen – glaubt, dass der Kommunismus zu retten ist. Jedenfalls hat kein Volk, das ihn losgeworden ist, wieder damit angefangen. Man hat aus einer bitteren Lektion gelernt. Im Augenblick deuten Anzeichen darauf hin, dass Raúl das stalinistische Ziel weiter verfolgen wird, so, wie es sein Bruder vorgegeben hat; es gibt aber einen Unterschied: Fidel lebt nicht mehr. Er liegt auf dem Friedhof von Santa Ifigenia unter einem riesigen Steinblock. Wer jetzt nicht das Ruder herumreißt, ist ein Feigling.

Anm. des Übers.:

* Der Voluntarismus betrachtet den Willen als die Grundfunktion des menschlichen Lebens.

Übersetzer: Dieter Schubert

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