Elena Burke, diese Stimme, die in der Erinnerung nachhallt

Generación Y, Yoani Sánchez, 06. Juni 2016 Diese Frau hatte etwas. Neben ihrer tiefen Stimme und den Emotionen, die sie durch das Mikrofon übertrug, hatte sie eine Art, die einen in ihren Bann zog. Wenn sie auf dem Bildschirm erschien, hatte meine kindliche Überheblichkeit Pause, ich hörte auf herumzurennen und schenkte ihr stattdessen meine Aufmerksamkeit. Da war sie die „Dame der Gefühle“*, die junge Frau, deren Karriere beim kubanischen Radiosender CMCQ angefangen hatte und die in dem Jahr geboren wurde, in dem auch der Kapokbaum im Parque de la Fraternidad** in Havanna gepflanzt wurde. Ich wurde still, um ihr zuzuhören.

Temperament, Emotion und eine Interpretation, die jede gute Darbietung oder die Erinnerung bei weitem übertraf, waren ihr Markenzeichen. Sie lebte jedes Lied. Man sah, wie sie wegen Untreue kämpfte, wegen eines gebrochenen Herzens weinte, bis zum Delirium genoss oder wie sie, wie die Frau, die auf einer beliebigen Türschwelle die Hand zum Abschied hebt, Lebewohl sagte. In der kubanischen Musikszene der 70er und 80er Jahre, voller Ängste und Heuchelei, stach Elena Burke durch ihre Authentizität hervor, sie wollte weder gefallen noch begeistern.

Andere ernteten den Ruhm der internationalen Medien als diese eindrucksvolle und ehrliche Frau nicht mehr unter uns weilte, als die Dame des Filin*** bereits gegangen war. Aber keine kubanische Sängerin hat es bisher geschafft ihre Interpretationen der Lieder von Komponisten wie José Antonio Méndez, Marta Valdés oder César Portillo de la Luz und vielen anderen, denen sie ihre Stimme lieh, zu übertreffen. Denn diese Frau, die das Mikrofon in der Hand hielt und deren Silhouette den ganzen Bildschirm ausfüllte war einfach nur sie selbst, ohne Verschönerungen, ohne Zugeständnisse und ohne Heuchelei.

Anm. d. Ü.:

*Elena Burke wurde auch als „Señora Sentimiento“ (Dame der Gefühle) bezeichnet, da sie sich durch die gefühlvollen und ehrlichen Interpretationen ihrer Lieder auszeichnete und eine wichtige Figur in der Musikbewegung „Filin“ verkörperte.

**Der Park „Parque de la Fraternidad Americana” ist ein Komplex aus mehreren Parks in Havanna. Der Kapokbaum wurde zur Unabhängigkeit Kubas im Jahr 1902 im Stadtviertel Cerro gesät und im Jahr 1928 in den Park gepflanzt.

***Filin (nach dem englischen Wort Feeling) ist eine moderne Musikbewegung, die sich in den 50er Jahren in Kuba entwickelte. Diese Bewegung hatte ihren Ursprung unter anderem im lateinamerikanischen Musikstil Bolero.

 

Übersetzung: Anja Seelmann