Frauen, immer benachteiligt

mujeres yoani

An uns werden die höchsten Maßstäbe gelegt und von uns wird der größte Grad an Geduld gefordert. (Silvia Corbelle)

Generación Y, Yoani Sánchez, 08. März 2016 Wenige Tage nach der Ermordung zweier junger argentinischer Touristinnen in Ecuador zündete ein Mann in Santa Clara sein Haus an, in dem sich seine beiden Kinder befanden, um sich an seiner Ex-Frau zu rächen. Die Gewalt gegen Frauen ist in Lateinamerika und im Großteil der restlichen Welt noch immer weit verbreitet. Ein Tag wie der 8. März mit Hommagen, Blumen und schmeichelnden Reden löschen diesen Horror weder aus, noch verkleinern sie ihn.

Die konstante Aggression, der wir Frauen ausgesetzt sind, zeigt sich beim Schlag eines gewalttätigen Ehemannes, doch ist sie auch sonst in jeder Minute unseres Lebens präsent: sowohl im beruflichen als auch im sozialen Bereich. Nachts alleine durch die Straßen zu laufen, sich ohne Begleitung in einen Park zu setzen oder sich am Strand zu sonnen, ohne von seinem Partner „beschützt“ zu werden, all das sind Momente, die viele kubanische Frauen viel mehr mit Unruhe als mit Genuss erleben.

Der Spielraum, in dem wir uns bewegen können, wird uns schon sehr früh aufgezeigt: Bist du anständig oder eine Schlampe? Eine gute Ehefrau oder eine fragwürdige alte Jungfer? Eine sorgsame Mutter oder eine Rabenmutter? Unterwürfig oder aufmüpfig? Geschminkt oder ungepflegt? Eine gute Köchin oder am Herd nicht zu gebrauchen? Jeder Versuch, diese einengenden Etiketten loszuwerden, kostet uns doppelt so viel Kraft wie einem Mann – plus der entsprechenden Menge an Beleidigungen durch andere.

Mit der Gewalt ging es bereits los, als wir noch klein waren, als sie uns darauf vorbereiteten, „schön und zartfühlend“ zu sein und uns dabei unseren Geschmack, unsere Affinitäten und unsere Berufung aufzwangen. Sie drängten uns dazu gefällig und lieb zu sein, zurückhaltend und schweigsam, der männlichen Initiative untergeordnet und ein „Geduldsmensch“ zu werden. Die familiäre Erziehung und das Bildungssystem, die in unserem Land vorherrschen, schließen uns in die Enge veralteter Geschlechterrollen ein.

Dem kubanischen Feminismus ist das gleiche widerfahren, wie einer berufstätigen Frau, die irgendwann doch als Hausfrau endet, mit einem eifersüchtigen Ehemann, der nicht gerade der hellste ist

An uns werden die höchsten Maßstäbe gelegt und von uns wird der größte Grad an Geduld gefordert. Wenn eine Frau Opfer eines sexuellen Missbrauchs auf der Straße wird, denkt die Mehrheit zuerst einmal, dass sie “sehr provokative Kleidung” getragen haben muss oder zu stark mit den Hüften gewackelt hat. Der Angreifer wird als jemand dargestellt, der seine “Männerrolle” ausübte, und der Frau werden die schlimmsten Adjektive zugeschrieben.

Fernsehmoderatorinnen sollen üppig gebaut und attraktiv sein, während man ihren männlichen Kollegen graue Haare, Doppelkinn und dicke Bäuche durchgehen lässt, ohne dass sich jemand daran stört. Mit der Regierung verhält es sich auch nicht anders. Dieser maskulinen Macho-Macht, unter der wir fast 60 Jahre leben, gefällt es, sich mit hübschen Gesichtern ablichten zu lassen und liebliche Feierlichkeiten am Internationalen Frauentag abzuhalten. Sie verschenken Blumen und nennen uns „Genossinnen“, während sie im restlichen Jahr die Forderungen der Frauen und die Unabhängigkeit jeder Initiative zur zur Gleichstellung der Geschlechter ausbremsen.

Dem kubanischen Feminismus ist das Gleiche widerfahren, wie einer berufstätigen Frau, die irgendwann doch als Hausfrau endet, mit einem eifersüchtigen Ehemann, der nicht gerade der hellste ist. Sie nahmen ihr ihre besten Jahre, ließen sie nicht die Erfahrung machen, wie es ist, auf die Straße zu gehen um ihre Rechte einzufordern. Und jetzt verlangen sie von ihr schön, ruhig und zahm zu bleiben, und jene zu unterstützen, die Testosteron mit Macht mischen und die Geringschätzung von Frauen hinter einem kitschigen Festumzug verbergen, was nur eine weitere Form von Gewalt ist, versteckt hinter vermeintlichem Lob und Komplimenten

Wenn es ein abscheuliches Verbrechen ist, sich unserer Körper gewaltsam zu bemächtigen, dann ist es ebenso ein Verbrechen, von unserer Freiheit Besitz zu ergreifen, uns ein Rollenbild von dem aufzuerlegen, wie wir sein sollen, und weiter an diesen diskriminierenden Konzepten festzuhalten; es ist jener Markt, auf dem die Werte falsch gehandelt werden und wo Hoden immer noch höher im Kurs stehen als Eierstöcke.

Übersetzung: Nina Beyerlein