Ein eher symbolischer als politischer Besuch

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Der Präsident der Vereinigten Staaten, Barack Obama, spricht mit seinem kubanischen Amtskollegen, Raúl Castro. (Weißes Haus)

Generación Y, Yoani Sánchez, 18. Februar 2016 Als das letzte Mal ein Präsident der Vereinigten Staaten Kuba besuchte, war das Kapitol von Havanna noch nicht eingeweiht worden, der herausragende Pitcher José de la Caridad Méndez* lag im Sterben und meine Großmutter war ein kleines Mädchen mit zerzaustem Haar und einem durchdringenden Blick. Es gibt niemanden mehr, der sich an diesen Moment erinnern und ihn aus erster Hand nacherzählen kann, und deshalb wird der Besuch Barack Obamas auf der Insel zu einer völlig neuen Erfahrung für uns Kubaner werden.

Wie werden die Menschen reagieren? – Mit Freude und Begeisterung. Auch wenn der Präsident eines anderen Staates nur wenig tun kann, um ein Land, dessen Bevölkerung eine Diktatur zugelassen hat, zu verändern, so wird sein Besuch dennoch eine große symbolische Wirkung haben. Niemand bestreitet, dass der Bewohner des Weißen Hauses unter den Kubanern beliebter ist, als der in die Jahre gekommene und wenig charismatische General, der die Macht aufgrund seiner familiären Herkunft geerbt hat.

Sobald das Flugzeug des Präsidenten kubanischen Boden berührt, wird die Politik der Abschottung, die die Regierung über ein halbes Jahrhundert so geschickt aufgebaut hat, einen irreversiblen Einschnitt erleben. Zu sehen, wie Raúl Castro und Barack Obama sich in Panama die Hand reichen, ist nicht das Gleiche wie ein Treffen auf einem Territorium, das vor kurzem noch voller Plakate gegen „das Imperium“ und voller öffentlichem Spott über Uncle Sam war.

Das Regierungsoberhaupt der Vereinigten Staaten kann Kuba nicht verändern und es ist auch besser, wenn er es überhaupt nicht versucht, denn für das Unrecht in unserem Land sind wir selbst verantwortlich.

Die Presse der Kommunistischen Partei wird äußert geschickt vorgehen müssen, um den offiziellen Empfang des Oberbefehlshabers der Streitkräfte des „Feindes“ vor uns zu rechtfertigen. Die militantesten Anhänger der Regierung werden sich verraten fühlen und es wird ans Licht kommen, dass sich hinter einer vermeintlichen Ideologie nur das Ziel verbirgt, sich mit den typischen Strategien politischer Chamäleons an der Macht festzukrallen.

Auf den Straßen werden die Menschen dieses unerwartete Ereignis mit Begeisterung erleben. Für die Schwarzen und Mestizen unter uns ist dies eine klare und direkte Botschaft in einem Land, in dem die Macht in den Händen einer weißen Gerontokratie liegt. Diejenigen, die ein T-Shirt oder ein Plakat besitzen, auf dem das Gesicht Obamas abgebildet ist, werden es an diesen Tagen zur Schau stellen und somit die Nachlässigkeit der Regierung ausnutzen, und der Geist Fidel Castros wird in diesen Tagen in seinem bewachten Refugium in Havanna noch ein bisschen mehr sterben.

Das Bier „Presidente“** wird aus den Lokalen verschwinden, wo man laut den Satz „Gib mir noch zwei Obamas!“ hören wird und die Standesämter werden in dieser Woche zweifellos einige Neugeborene mit Namen wie „Obamita de la Caridad Pérez“ oder „Yurislandi Obama“ in das Geburtenregister eintragen. Pepito, der kleine Junge aus den kubanischen Witzen, wird für diesen Anlass ein paar neue Scherze in Umlauf bringen und die Ramschverkäufer werden Produkte, mit dem Bild des ehemaligen Anwalts und den fünf Buchstaben seines Namens anbieten.

Trotzdem ist eines klar, über einen kurzlebigen Enthusiasmus hinaus kann das Regierungsoberhaupt der Vereinigten Staaten Kuba nicht verändern und es ist auch besser, wenn er es überhaupt nicht versucht, denn für das Unrecht in unserem Land sind wir selbst verantwortlich. Dennoch wird seine Reise einen großen und langanhaltenden Einfluss ausüben und er sollte die Gelegenheit nutzen, um eine laute und deutliche Botschaft über die Mikrophone zu vermitteln.

Seine Worte sollten sich an die jungen Menschen richten, die aus Verzweiflung in Gedanken schon ein Floß aufrüsten, um aus dem Land zu fliehen. Ihnen muss man zeigen, dass unser Mangel an Gütern und Moral nicht die Schuld des Weißen Hauses ist. Die beste Möglichkeit für Barack Obama auf die Geschichte Kubas einzuwirken, besteht darin unmissverständlich klar zu machen, dass die Verantwortlichen unseres Dramas auf dem Platz der Revolution von Havanna zu finden sind***.

Anmerkung. d. Übers.:

*José de la Caridad Méndez, auch bekannt als der „schwarze Diamant“ (el diamante negro) war ein kubanischer Pitcher, der in seiner Heimat zu einer Legende wurde und sowohl in die kubanische als auch in die US-amerikanische Baseball Hall of Fame aufgenommen wurde. Er starb am 31 Oktober 1928 in Havanna an Tuberkulose.

** Das Bier „Presidente“ (la cerveza Presidente) ist eine Biermarke aus der Dominikanischen Republik, die von Kuba importiert wird, um die eigene, unzureichende Produktion auszugleichen.

*** Die Plaza de la Revolución (Platz der Revolution) ist ein öffentlicher Platz in Havanna, Kuba und wurde durch die kubanische Revolution bekannt, während der die Regierung Batistas gestürzt und durch die von Fidel Castro abgelöst wurde.

Übersetzung: Anja Seelmann