Der tödliche Kuss der kontrollierten Preise

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Die offizielle Presse schreibt die Verantwortung für die hohen Preise vieler Nahrungsmittel den privaten Produzenten zu. (14ymedio)

Generación Y, Yoani Sánchez, 04. Januar 2016 Ich war zehn Jahre alt, als Fidel Castro die wirtschaftliche Schlacht eröffnete, die er „Berichtigung von Fehlern und negativen Tendenzen“ nannte. Die Wut des Máximo Líder (Größter Führer) traf damals die privaten Bauern und die Zwischenhändler, die mit deren Produkten Handel betrieben. Die Plaza de Cuatro Caminos in Havanna, die auch unter dem Namen Mercado Único (Einziger Markt) bekannt ist, wurde von Offizieren gestürmt und nach dieser Razzia verschwanden Zwiebeln, Bohnen, die pfeffrige Paprika und sogar die Malanga, eine essbare Knolle eines Aronstabgewächses, aus unserem Leben.

Fast ein Jahrzehnt später, als das Land mit seiner Unterversorgung und der Lebensmittelknappheit seinen Tiefstand erreichte, gestattete die Regierung erneut die privaten Bauernmärkte. Als ich mich zum ersten Mal einem Stand näherte und einen Zopf Knoblauch kaufte, ohne mich dabei verstecken zu müssen, war es, als ob ich einen Teil meines Lebens zurückbekommen würde, den sie mir genommen hatten. Jahrelang mussten wir auf illegale Märkte zurückgreifen, auf die Unsicherheit des Schwarzmarktes, um ein Pfund Bohnen oder Kreuzkümmel zu kaufen, mit dem man das Essen würzen konnte.

Die Rückkehr dieser Bauernmärkte war jedoch nicht frei von Angriffen und Feindseligkeiten von Seiten der Regierung. Die offizielle Presse machte die privaten Produzenten für die hohen Preise vieler Lebensmittel verantwortlich und die Figur des Zwischenhändlers wurde auf extreme Weise verteufelt. In der letzten Nationalversammlung kam sogar die Idee auf, eine Festpreisbindung für bestimmte landwirtschaftliche Produkte einzuführen, um die Händler damit zu zwingen, die Kosten für die Produkte zu senken.

Wir Konsumenten müssten die Suppe auslöffeln, denn diese Maßnahme löst weder das Problem der niedrigen Produktivität unserer Felder, noch das der lächerlich niedrigen Löhne

Auf den ersten Blick schien diese Maßnahme günstig für die Konsumenten zu sein. Wer würde es nicht für eine gute Nachricht halten, dass ein Pfund Schweinefleisch ohne Knochen nicht mehr als 30 kubanische Pesos kosten und es nie mehr den astronomischen Preis von 50 Pesos erreichen würde, der am Ende des Jahres 2015 auf dem Egido-Markt in Havanna verlangt wurde. Die anfängliche Reaktion der Kunden war positiv, denn eine Zitrone würde nicht mehr einen oder ein Pfund Papayas nicht mehr fünf kubanische Pesos kosten. Jedoch lauern hinter den regulierten Preisen noch größere Übel.

Was passieren könnte ist, dass die Produkte, die von den Preiskontrollen betroffen wären, von den landwirtschaftlichen Märkten verschwinden und wieder in den “Untergrund“ abtauchen würden. Wir könnten an der Ecke kein Pfund Zwiebeln mehr kaufen, wie wir es in den letzten zwei Jahrzehnten gemacht haben, sondern wir würden in die Zeiten zurückkehren, als wir versteckt in einer Straße oder im Nirgendwo illegal direkt mit dem Produzenten oder den verfolgten Zwischenhändlern Geschäfte machten.

Wir Konsumenten müssten die Suppe auslöffeln, denn diese Maßnahme löst weder das Problem der niedrigen Produktivität unserer Felder, noch das der lächerlich niedrigen Löhne.

Wirtschaft plant man nicht nach Belieben und man verwaltet sie nicht durch Einschränkungen, sondern sie ist ein zerbrechliches Geflecht, wo Misstrauen und überzogene staatliche Kontrolle wie eine tödliche Umarmung wirken, die sie ohne die Fähigkeit selbstständig atmen zu können zurücklässt. In diesem festen Griff werden die kontrollierten Preise zum gefürchteten tödlichen Kuss, der dem Handel die Luft zum Atmen nimmt und ihn leblos zurücklässt.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm