IMO, die „Person“ des Jahres auf Kuba

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Eine kubanische Migrantin surft in einer Unterkunft in Liberia, Costa Rica, mit ihrem Handy im Internet (Foto 14ymedio)

Generación Y, Yoani Sánchez, 28. November 2015 Der Dezember steht vor der Tür und bald werden unzählige Listen der Protagonisten des Jahres 2015 auf Kuba veröffentlicht werden. In einem Land, dass in diesen zwölf Monaten Besuch von einem Papst, einem Außenminister und sogar von Mick Jagger erhielt, ist dies eine schwierige Aufgabe. Dennoch, die „Person“, die den gesamten Beifall einheimst, ist weder ein Politiker noch ein Kirchenoberhaupt noch ein Rockstar. Es handelt sich dabei um eine Handy Applikation, mit einem kurzen Namen und einer großen Wirkung in unserem Alltag: IMO.

Diese App für Videoanrufe, mit mehr als 150 Millionen Benutzerkonten weltweit, tauchte vor einem halben Jahr in unserem Alltag auf, um Entfernungen zu verkürzen und Familien wieder zu vereinen. Mit einer einfachen Benutzeroberfläche und der Fähigkeit sich an unsere langsamen Internetverbindungen anzupassen, hat IMO es geschafft, das zu ermöglichen was das Inseldasein und die Politiker über eine so lange Zeit hinweg eingeschränkt hatten: Den Kontakt mit dem Rest der Welt.

Das Start-up-Unternehmen mit Sitz in Palo Alto, Kalifornien, das diese Anwendung für Textnachrichten, Sprach- und Videoanrufe entwickelt hat, wurde von einem der zehn ersten Mitarbeiter von Google gegründet, der versichert, dass es ihm gefällt an „anspruchsvollen Projekten“ zu arbeiten. Diese Aussage wurde auf Kuba umfassend bestätigt, wo sich die App, trotz der vielen technologischen Hindernisse, wie ein Virus auf den Mobiltelefonen und Tablets verbreitet hat.

Wer behauptet, dass die Technologie uns voneinander entfernt und uns in Einsamkeit hüllt, sollte einmal durch den Bereich des Wifi-Hotspots von La Rampa in Havanna spazieren.

Wer behauptet, dass die Technologie uns voneinander entfernt und uns in Einsamkeit hüllt, sollte einmal durch den Bereich des Wifi-Hotspots von La Rampa* in Havanna spazieren. Dort kann er die Freudentränen und die lächelnden Gesichter sehen, die diese Anwendung hervorruft, wenn sie Kubaner auf der ganzen Welt miteinander verbindet. Die Emotionen sind fast genauso als würden sie sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Wenn es die einzige Möglichkeit ist mit den Menschen, die wir lieben in Kontakt zu treten, dann hat ein Bildschirm nichts Kaltes und eine Tastatur nichts Unmenschliches an sich.

Die Ecke zwischen den Straßen Calle Infanta und Calle 23, es ist ein ganz normaler Samstag. Eine Frau zeigt ihrem Sohn, den sie seit 20 Jahren nicht mehr gesehen hat, ihre neue Haarfarbe und seine Schwester hat den Hund mitgebracht, damit auch er ein Teil dieses Moments sein kann. Daneben hält sich ein junger Mann, nicht älter als 20, das Handy vors Gesicht und wiederholt beharrlich „Beeil dich und hol mich hier raus“. Über IMO haben wir in den letzten Monaten unsere Hoffnungen und unsere Verzweiflung geteilt.

Selbst die Prostitution mit ausländischen Besuchern wurde durch die App „technologisiert“. Jetzt wird „die Ware“ sogar schon betrachtet, bevor der Kunde überhaupt auf der Insel ist. Neulich filmte ein junges Mädchen ihren ganzen Körper mit der Kamera eines Tablets, während aus den Lautsprecher jemand mit deutschem Akzent fragte, ob sie wirklich schon 18 sei.

Trotzdem verdient IMO den Titel der „Person“ des Jahres, vor allem wegen ihrer Schlüsselrolle in der Migrationskrise, die fast 4000 Kubaner betrifft, die  auf dem Landweg in die USA flüchten wollten und an der Grenze zwischen Costa Rica und Nicaragua festsaßen. Während die staatlichen Medien das Drama dieser Menschen verschwiegen, ermöglichte es ihnen diese Applikation ihre Familien auf Kuba über ihr Schicksal dort auf dem Laufenden zu halten.

Anmerkung. d. Übers.:

* Als „La Rampa“ wird in Havanna der Straßenabschnitt Calle 23 zwischen der Straße Calle L und der berühmten Uferpromenade „Malecón“ bezeichnet. Dort befinden sich viele der bekanntesten Treffpunkte Havannas.

 

Übersetzung: Anja Seelmann