Die Gesichter des kubanischen Traums

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Das Musical On your feet!, das auf dem Leben von Gloria und Emilio Estefan basiert. (Matthew Murphy).

Generation Y, Yoani Sánchez, 20. Oktober 2015  „Was ist der kubanische Traum?”, fragte er wie jemand, der wissen will, wie spät es ist, wie der Kaffee schmeckt oder wie das Wetter am Nachmittag wird. Um den Tisch herum schwiegen wir alle auf diese Frage, die von jenem Besucher in den Raum geworfen wurde. Mehr als ihm eine Antwort über das erwünschte Land zu geben, hat mich eine solche Provokation zum Nachdenken darüber gebracht, dass unsere Träume unbedingt Gesichter haben sollten, die sie darstellen, Personen, die sie bewohnen.

Ich habe am vergangenen Samstag erneut an das Gespräch gedacht, während ich in einem überfüllten Theater am New Yorker Broadway das Musical On your feet! genoss. Das Stück basiert auf dem Leben von Gloria und Emilio Estefan und erzählt von einem kubanischen Paar, das sich einen Weg in die wettbewerbsorientierten Welt des Entertainment in den Vereinigten Staaten bahnt. Nicht zuletzt ist es eine Geschichte über Sehnsucht, Hartnäckigkeit und Erfolg.

Vor den Augen der Zuschauer entwickelt sich eine Handlung, die mit Schmerz des Exils sowie den Erinnerungen an das auf der Insel zurückgelassene Leben beginnt. Eine Referenz, die sich durch das gesamte Drama zieht, das in diesen Tagen im  New Yorker Theater Marquis aufgeführt wird. Unter der Leitung von Jerry Mitchell gibt das erfolgreiche Musical detailliert den Wandel von Traurigkeit zu Energie und von der Melancholie des Auswanderers zu Unternehmergeist wieder.

On your feet! scheint besonders ein Lobgesang auf das Lebensgefühl Kubas zu sein, der es erreicht, dass das Publikum sich von den Sitzen erhebt und tanzt – wenn auch noch mit Tränen im Gesicht. Durch die herausragenden musikalischen Interpretationen, durch die Stimme von Ana Villafañe (in der Rolle der Gloria Estefan) und dem Rest der Besetzung fesselt das Werk, ohne lästig zu sein und bringt die Zuschauer – weit über die Stereotype hinaus – mit der Kultur unseres Landes zusammen.

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Ana Villafañe und Josh Segarra in der Rolle von Gloria Estefan und Emilio Estefan (Matthew Murphy).

Das Musical verdient nicht nur auf Grund der künstlerischen Stärken und der herausragenden Inszenierung einen verlängerten Applaus, sondern besonders weil es Werte rühmt, die in unserer Gesellschaft unbedingt gerettet werden müssen. Das Musical nähert sich so dem Leben der Menschen an, die auf eine ganz andere Art und Weise inspirieren als die Lebensmodelle, die von der offiziellen Propaganda aufgezwungen werden.Gloria und Emilio provozieren keine kritiklose Anerkennung, Angst oder fügsame Dankbarkeit, sondern den Wunsch, sie zu imitieren oder sogar zu übertreffen.

Irgendwann werden kubanische Kinder, wenn Sie die Schulbücher aufmachen, um lesen zu lernen,  keine Personen in Militäruniform und mit Gewehr über der Schulter mehr sehen: An Stelle des exzessiven Waffenkults werden wir diejenigen finden, die Referenzen für Erfolg, sowie soziale, wirtschaftliche und kulturelle Errungenschaften sind. Auf diesen Seiten werden sich die wahrhaften Vorbilder zum Nachahmen finden – die Gesichter des kubanischen Traums.

Übersetzung: Berte Fleissig