Kuba und der Kuss von Mick Jagger

Mick

Mick Jagger, 2014 in Deauville (Georges Biard/Wikimedia Commons)

Generation Y, Yoani Sánchez, 05. Oktober 2015 Wir hörten niemals die Stimmen von Michael Jackson und Whitney Housten von den kubanischen Bühnen herabschallen. Freddie Mercury starb ohne je in Havanna aufgetreten zu sein und zu dem Zeitpunkt als die Beatles aufhörten zu existieren, waren wir ein Land, in dem das Hören von englischsprachigen Songtexten noch als ideologische Abweichung angesehen wurde. Die Karriere von Elvis Presley verfolgten wir aus der Ferne und die charismatische Amy Winehouse beendete ihr Leben, ohne je einen Fuß auf die Insel gesetzt zu haben. Und trotzdem stehen wir nun kurz davor einen Teil dessen, was wir verpasst haben, zurückzugewinnen: Mick Jagger, dessen großer Mund zu einem Markenzeichen geworden ist, ist hier, der ewig jung Gebliebene von den Rolling Stones ist auf der Insel angekommen.

Während politische Beobachter darum kämpfen, die Zeichen des kubanischen Wandels auf politischer und diplomatischer Ebene auszumachen, sind die Veränderungen eigensinnig und tauchen ganz woanders auf. Dieses Land wird nicht zu einer neuen Nation werden, weil John Kerry es besucht hat, oder aufgrund des dritten Papstbesuches in weniger als zwanzig Jahren. Aber ja, Kuba wird sich verändern, wenn Persönlichkeiten wie dieser britische Rockstar, eine Ikone der guten Musik und der vollkommenen Respektlosigkeit, in Havanna landet.

Der 72-jährige Sänger hinterließ in den Straßen von Havanna eine Spur von Ungläubigkeit und viele höher schlagende Herzen. Auch wenn man zugeben muss, dass er nicht so ein Kreischkonzert wie Beyoncé oder Rihanna bei ihren Besuchen in dieser Kulisse vergangener Zeiten auslöst, so hat der Aufenthalt Jaggers doch eine tiefere Bedeutung. Denn für viele Generationen von Kubanern stellt er das Verbotene dar, eine Lebenshaltung, die uns durch die obsessive Kontrolle der Polizei verwehrt wurde.

Für ein politisches System, dass den „neuen Menschen“, mit einem einfachen, „linientreuen“ und untergebenen Geist schaffen wollte, war dieser hagere Sänger mit seinem impulsiven Lebensstil alles andere als ein Vorbild, jemand, dem wir keineswegs nacheifern sollten. Doch dieser Mensch aus dem Laboratorium, den die Erziehungsleitfäden anpriesen, konnte nicht geschaffen werden …und Mick Jagger gewann den Kampf gegen diesen Prototypen eines militanten jungen Mannes mit ordentlichem Haarschnitt, der selbst seine eigene Familie verraten würde.

Eine Freundin, die auf die 70 zugeht, verließ ihr Haus diesen Sonntag mit der Energie eines jungen Mädchens. „Wo ist er?“, fragte sie den Wachmann des Hotels Santa Isabel, in dem ihr Idol aus Jugendzeiten laut der Presse abgestiegen war, doch dieser verriet ihr keine Details. Wie ein besessenes Schulmädchen lief sie durch die Straßen rund ums Hotel und spähte durch alle Fenster, um vielleicht doch einen Blick auf die schmale Silhouette des Frontmanns der Rolling Stones zu erhaschen.

Mick Jagger gewann den Kampf gegen diesen Prototypen eines militanten jungen Mannes mit ordentlichem Haarschnitt, der selbst seine eigene Familie verraten würde.

Der Außenminister der Vereinigten Staaten löste keine dieser Reaktionen bei ihr aus und selbst der Papst schaffte dies nicht. Für sie lagen all diese hochgelobten Besuche im Bereich des Möglichen, Ereignisse, die sie inzwischen weder überraschen noch bewegen. Aber Mick Jagger …das ist etwas Anderes. „Ich will nicht sterben ohne ihn vorher gesehen zu haben“, erzählte sie mir am Telefon. Und sie versicherte mir dies mit der Überzeugung einer Person, die nicht einmal daran denkt diese Welt zu verlassen ohne „diese Ära zu beschließen“, ohne einen Schlusspunkt hinter ihre „besten Jahre“ zu setzten.

Meine Freundin hat mich damit ein bisschen angesteckt, das muss ich zugeben. Keine Predigt auf der Plaza de la Revolución* und auch keine Rede zur Eröffnung einer Botschaft hatte mir ein solches Kribbeln im Magen beschert, dieses plötzliche Gefühl historische Tage zu erleben. Es ist eine innere Aufgewühltheit, die andauern wird bis ich den Auftritt dieser sagenhaften britischen Band im Estadio Latinoamericano**sehe, bei dem eine breite Masse versuchen wird, die verlorenen Jahre zurückzugewinnen.

Jagger ist viel mehr als eine lebende Legende des Rock´n´Roll, wie sie die Medien präsentieren. Dieser hagere Sänger mit dem großen Mund, voller Energie und voller Leben, verkörpert eine Zeit, die uns entrissen wurde, eine Existenz, die wir hätten haben können und die sie uns wegnahmen.

Was habe ich doch für ein Mitleid mit den politischen Beobachtern: Denn sie wissen nicht, dass die Zukunft Kubas mit den Rolling Stones in Havanna beginnen könnte.

Anmerkung. d. Übers.:

*Die Plaza de la Revolución (Platz der Revolution) ist ein öffentlicher Platz in Havanna, Kuba und wurde durch die kubanische Revolution bekannt, während der die Regierung Batistas gestürzt und durch die von Fidel Castro abgelöst wurde.

**Das Estadio Latinoamericano (Lateinamerikanisches Stadion) ist ein Baseballstadion in Havanna.

Übersetzung: Anja Seelmann

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