Raul Castro, der Messdiener

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Papst Franziskus begrüßt Raúl Castro bei seiner Ankunft in Kuba. (EFE)

Generation Y, Yoani Sánchez, 22. September 2015 Der kubanische Regierungschef Raul Castro hat Papst Franziskus auf all seinen Messen durch Kuba begleitet. Angefangen mit der Messe auf dem Platz der Revolution in Havanna, bis hin zu den Worten, die in der Kathedrale von Santiago de Cuba gesprochen wurden. Wie jemand, der angesichts einer langen Liste von Sünden die Absolution sucht, so schloss sich auch der Präsident dem Gefolge des Pontifex an, von der Hauptstadt bis in den Osten der Insel.

Castro scheint auf diese Weise seine Warnung vom vergangenen Mai in Rom wahr werden zu lassen. Damals sagte er: „Wenn der Papst weiterhin so spricht wie er spricht, dann werde ich wieder anfangen zu beten und zur Kirche zurückkehren, und das sage ich nicht zum Spaß.“ Die Rückkehr zum Glauben scheint jedoch nicht nur ihn einzuschließen, sondern auch einen Teil seiner Familie, die ihn begleitete, sowie den Rest der kubanischen Regierung und die offizielle Presse.

Trotz der plötzlich aufgekommenen mystischen Frömmigkeit vermied es das nationale Fernsehen sorgfältig, Bilder des kubanischen Präsidenten zusammen mit Gläubigen zu zeigen, wenn diese beteten, sich „gegenseitig den Frieden“ wünschten oder ein Gebet nachsprachen, während der drei Gottesdienste, an denen Raúl Castro teilnahm. Die Kameras nahmen ihn nur beim Ankommen und Verlassen der Tempel und Plätze in den Fokus.

Tief in der Klemme steckten einige der bekannten Moderatoren der TV-Spezialausgabe, die während dieser drei Tage ausgestrahlt wurde. Verschiedene Gesichter, die für ihre bissigen ideologischen Ansprachen bekannt sind, mussten sich dieses Mal in ihrer Wortwahl zügeln, und ihre Sätze mit Psalmen, biblischen Anspielungen und Hochachtung vor religiösen Figuren ausschmücken.

Die Pirouetten, die jene Moderatoren und Journalisten machten, um Wörter wie  „Revolution“, „Kommunist“, oder „Genosse“ zu vermeiden, sind dem politischen Zirkus, den sie repräsentieren, auch angemessen gewesen. Es fehlte nur noch, dass sie mit Kruzifix und Bibel ins Studio gekommen wären, was aber nicht nötig war.

Die Weihrauch-Exzesse dieser Tage haben vielen nicht gefallen. „Das geht von der Verherrlichung ins Lächerliche über“, meinte ein 63-jähriger Mann, ein Mitglied der Kommunistischen Partei, der im gleichen Gebäude wohnt wie ich. „Vom Atheismus zur frommen Unterwürfigkeit“, fügte er hinzu und spielte damit auf die Haltung der kubanischen Autoritäten an, sowie auf die von den nationalen Medien in voller Länge übertragenen Messen.

Jetzt müssen wir nur noch überprüfen, ob Raul Castro bei seiner nächsten öffentlichen Rede auch das kämpferische „¡Patria o muerte!“* durch ein kurzes „Amen!“ ersetzt.

*Anm. d. Übersetzerin:  zu Deutsch: Vaterland oder Tod

Übersetzung: Nina Beyerlein