Generation Y hinter Gittern

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Männer in Handschellen (Foto Luz Escobar/14ymedio)

Generation Y, Yoani Sánchez, 17. September 2015 Mit der Veröffentlichung des Gesetzesanhangs Nr. 31 wurden viele verschiedene Meinungen geäußert bezüglich der Begnadigung von 3522 Häftlingen im Vorfeld des Besuchs von Papst Franziskus. Der Großteil der kritischen Stimmen störte sich daran, dass sich unter den Begnadigten keine Häftlinge befinden, die wegen Vergehen „gegen die Staatssicherheit“ im Gefängnis sitzen. Aber wenn man einen genaueren Blick auf die Liste der entlassenen Häftlinge wirft, fällt einem ein anderes Detail ins Auge.

Mindestens 411 der Begnadigten haben einen Vornamen, der mit “Y” anfängt, was somit mehr als 11 Prozent ausmacht. Das könnte darauf hinweisen, dass es sich um Menschen zwischen 20 und 45 Jahren handelt, da es von Anfang der siebziger Jahre bis weit in die neunziger Jahre in Mode war, seinen Kindern einen Namen zu geben, der mit dem vorletzten Buchstaben des Alphabets beginnt. Wir befinden uns daher in der Zeit des „neuen Menschen“,  einem Wesen, das in einer Gesellschaft geboren und großgezogen wurde, die sich als Teil dieser „Utopie“ fühlte und unter dem Mantel sowjetischer Unterstützung und exzessiver ideologischer Indoktrination lebte. Wie ist es möglich, dass so viele von ihnen hinter Gittern gelandet sind?

Wie ist es möglich, dass so viele von ihnen hinter Gittern gelandet sind?

Futter für das Soziallaboratorium und gefangen im eigenen Körper, die Generation Y ist weit von dem entfernt, was für sie vorgesehen war. Sie musste ein Land erleben, das nicht so war, wie es ihr versprochen wurde; und um in diesem Chaos zu überleben, musste sie das genaue Gegenteil von dem tun, was ihr beigebracht wurde. Obwohl auf der Liste der freigelassenen Häftlinge nicht die Verbrechen auftauchen, für die sie jeweils verurteilt wurden, ist es nicht schwer zu mutmaßen, was bei vielen Männern und Frauen dieser „Utopie“ dazu führte, in einer Zelle zu enden.

Vielleicht ist unter ihnen Yoandis, der eine Kuh tötete, um Essen für seine Familie zu beschaffen, oder Yuniesqui, der bei einer Firma Brennstoff mitgehen ließ, um ihn auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen und so seinen Hungerlohn aufzubessern. Wer weiß, ob sich eine gewisse Yordanka auf dieser Liste befindet; sie, die die häusliche Gewalt dazu brachte, sich an ihrem Ehemann zu rächen. Oder Yusimí, die schon von klein auf zu Hause lernte, dass es besser ist als Erste zuzuschlagen, als zurückzuschlagen. Von kleinen Pionieren mit bunten Halstüchern wurden sie zu Angeklagten in grauer Uniform; von einem Kuba mit den Handbüchern des Marxismus fielen sie in die harte Realität.

Es ist eine Generation, die durch die Umstände gefangen ist, oftmals zu Verbrechen gezwungen, andere Male zur Flucht gedrängt und zur Perspektivlosigkeit verdammt. Die 411 Familien der Begnadigten dieses kubanischen Experiments werden an diesen Tagen erleichtert sein, dass sie zurückkehren, genauso wie die Angehörigen der anderen Freigelassenen. Aber die Gesellschaft, in die sie beim Verlassen des Gefängnisses kommen, steht immer noch im Widerspruch zu dem, was ihnen einst an der Tafel und in den Morgenversammlungen erklärt wurde. Das Gefängnis war Teil der sozialen Alchimie, mit der sie in Berührung gekommen sind.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm