Leopoldo López: der freiste Gefangene der Welt

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Leopoldo López grüßt aus einem Fenster im Militärgefängis Ramo Verde in Caracas. (EFE)

Generation Y, Yoani Sánchez, 11. September 2015 Ich lernte ihn kennen und es war unmöglich, ihn nicht zu bemerken: Er ragte unter allen hervor: jung, mit beeindruckender Energie und Intelligenz, die voraussehen ließ, dass er es weit bringen würde. Gestern wurde er von einem ebenso parteiischen wie übel gesinnten Gericht zu 13 Jahren und 9 Monaten verurteilt. Als ich das Urteil hörte, rechnete ich aus, wie alt seine zwei Kinder sein würden, wenn ihr Vater aus dem Gefängnis käme, aber ich hielt plötzlich inne. Leopoldo López wird diese Jahre nicht hinter Gittern verbringen, sagte ich mir, genauso wie auch mein erster Eindruck von ihm nicht trügen wird.

Autoritäre Menschen lernen nichts dazu. Sie sind sich der Tatsache nicht bewusst, dass Gitterstäbe einen politischen Führer an Größe gewinnen lassen, und dass der im Kerker erfahrene Schmerz sich ihm wie eine auf dem blutigsten Schlachtfeld gewonnene Medaille um den Hals hängt. Leopoldo wird gestärkt aus dem Gefängnis herausgehen, während auf der anderen Seite ein ängstlicher Nicolás Maduro nicht wissen wird, was er mit dem freisten Gefangenen der Welt anfangen soll.

Jeder Tag, den der Venezuelaner hinter Gitter verbringt, wird wie eine schändliche Last am Chavismus hängen, der mit dem Tode ringt.

Ich erinnere mich auch an den Moment, als ich Lilian Tintori kennen lernte. Eine Frau, die ihre eigenen Ängste überwinden musste, um zu der Bürgerin zu werden, die gestern Abend nach der ungerechten Verurteilung die Nachricht ihres Ehemanns las. Bei Lilian Tintori gab es eine Unerschütterlichkeit, die ich bei unserem ersten Wortwechsel in Madrid niemals vermutet hätte. Dennoch hat die Absurdität, die sie erlebt hat, ihre Stärke nochmals hervorgehoben und sie in ihrer Entschlossenheit bestärkt.

Autoritäre Menschen wissen nicht, was sie tun.

Leopoldo wird zurückkommen – jung, voller Energie und vom Schmerz geprägt. Lilian ist schon hier mit jener Bestimmtheit, die dazu führt, dass wir uns alle fragen: Wären wir bereit, das Gleiche für unsere Familien und unser Land zu tun?

Übersetzung: Berte Fleissig