Statistiken, die über die Frau in Kuba fehlen

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In Kuba fordert die geschlechtsspezifische Gewalt jeden Tag eine unbekannte Zahl an Opfern, jedoch kommen diese verwerflichen Taten nicht ans Tageslicht. (Silvia Corbelle/14ymedio)

Generation Y, Yoani Sánchez, 25. August 2015 Im Stadtviertel Cayo Hueso kannten sie alle unter dem Namen „die Frau der Hiebe”. Man musste ihr nicht allzu nahe kommen, um die Narben an ihren Armen wahrzunehmen. Gebranntmarkt für den Rest des Lebens nach einer Nacht, in der der Ehemann mit deutlich mehr Alkohol als Geduld nach Hause kam und die Machete gegen sie verwendete. Er verbrachte zwei Jahre im Gefängnis und kam dann dorthin zurück, wo der Streit stattgefunden hatte. „Er hat keinen anderen Ort, an dem er leben kann und die Polizei schafft ihn nicht von hier weg”, erzählte sie in rechtfertigenden Ton.  Auf Kuba fordert die geschlechtsspezifische Gewalt jeden Tag eine unbekannte Zahl an Opfern, allerdings kommen diese verwerflichen Taten nicht ans Tageslicht.

Im Rahmen des 55. Jahrestages der Federación de Mujeres Cubanas FMC (zu dt.: Föderation der kubanischen Frauen)  wurden wir im Fernsehen sowie in der offiziellen Presse zwangsläufig über die Zahlen derjenigen Frauen informiert, die eine Beschäftigung in der Verwaltung erlangt haben, Führungspositionen in Firmen besetzen, Mitglieder des Parlamentes sind oder es geschafft haben, einen universitären Titel zu erlangen. Um den Grad der Emanzipation aufzuzeigen, den Kuba erreicht hat, werden wir allerdings nur mit  einem Teil an Zahlen vollgestopft – Informationen über die dunkle Seite einer Wirklichkeit, in der der Mann das Sagen hat und die Frau gehorcht, werden verschwiegen.

Vor ein paar Jahren sprach ich im vertrauten Kreise mit mindestens acht Freundinnen  – alle von ihnen Akademikerinnen, im geisteswissenschaftlichen Bereich tätig und auf eine gewisse Art und Weise wirtschaftlich unabhängig. Die Mehrheit gestand, mindestens einmal vom Ehemann geschlagen worden zu sein, es gab zwei Fälle von sexueller Gewalt in der Ehe  und drei von ihnen mussten „mit dem, was sie anhatten” flüchten, um häuslicher Gewalt zu  entkommen. Das Alarmierenste daran war jedoch der Konformismus, mit dem sie das Ganze erzählten: „Das ist eben das, was uns als Frauen widerfährt”.

Um den Grad der Emanzipation aufzuzeigen, den Kuba erreicht hat, werden wir allerdings nur mit  einem Teil an Zahlen vollgestopft – Informationen über die dunkle Seite einer Wirklichkeit, in der der Mann das Sagen hat und die Frau gehorcht, werden verschwiegen. 

Je weiter wir uns von Havanna entfernen, desto gravierender wird das Problem und nimmt die Ausmaße einer Tragödie an. Selbstverbrennung als Ausweg für die Erniedrigungen in der Partnerschaft  ist heutzutage im Kreise misshandelter  Ehefrauen eine  weit verbreitetere Praxis, als in den Statistiken angegeben. Odieti, eine Bäuerin aus einem abgelegenen Dorf der Provinz Cienfuego, trank ein ganzes Tintenfass aus, um der Tortur in Ende zu setzen,  die sie durch den Ehemann erlitt.  Nach einigen Stunden des Leidens kam sie jedoch mit dem Leben davon und erhielt als Belohnung für die Tatsache, dass sie „verweichlicht” sei, die nächste Tracht Prügel. Dies sagte ihr der Ehemann immer und immer wieder, während er sie mit dem Gürtel auspeitschte.

In einem Land zu leben, wo weder Klitorisdektomie noch Zwangsehen existieren und es Frauen nicht verboten ist, Auto zu fahren, reicht noch nicht dazu aus, dass die Frauen ruhig aufatmen können und glauben, dass das schwerwiegende Problem der geschlechtsbedingten Ungleichheiten gelöst sei. Die Zahlen bezüglich der beruflichen Verbesserung für  Frauen, die Integration der Frau in das Berufsleben und  die Verantwortungen von Millionen weiblicher Führungskräfte überall auf der Insel darf das Drama nicht verstummen lassen, dem so viele von ihnen ausgesetzt sind.

Es müssen auch andere Daten gezeigt werden, die die Anzahl an Fußtritten ans Tageslicht bringen, die  jede Woche auf Brüste, Rücken und Frauengesichter prallen. Es müssen klar und deutlich die Zahlen der Fälle an die Öffentlichkeit geraten, bei denen die Opfer die Polizei darum anflehte, den Ehemann als Täter häuslicher Gewalt von ihnen fernzuhalten und als  Reaktion darauf nur ein gähnender Wachmann antwortete: „Das müssen Sie zuhause unter sich ausmachen”.

Wo befindet sich das Inventar der Suizide und Suizidversuche, die aus erlebter Misshandlung oder den Schandtaten eines Mannes resultieren?

Genauso müssen die Zahlen der  Frauen veröffentlicht werden, die nach einem harten Arbeitstag auf der Straße dazu „versklavt” werden,  hinter dem Herd zu stehen – diese Zahl deckt sich wahrscheinlich mit den vier Millionen weiblichen Mitgliedern, mit denen sich das FMC brüstet. Alleinstehende oder geschiedene Mütter, die eine lächerliche Unterhaltszahlung erhalten, die nicht einmal dazu reicht, den Nachwuchs eine Woche lang zu ernähren. Wer schließt diese Frauen in die Auszählung ein, über die uns danach die staatlichen Journalisten informieren werden? Und wo sind  diejenigen erfasst, die vom Partner mit den Worten „Wenn Du mich verlässt, bringe ich dich um” bedroht wurden? Wie vielen Frauen wurden mit dem Messer Schnittwunden im Gesicht zugefügt, so wie eine Kuh „markiert” wird, damit die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Rüden, Mann, männlich, klar gestellt wird , der seine Frau jedoch mit so vielen anderen betrügt?

Wo befindet sich das Inventar der Suizide und Suizidversuche, die aus erlebter Misshandlung oder den Schandtaten eines Mannes resultieren? Auf wie viele Frauen beläuft sich die Anzahl derjenigen, die von einem eifersüchtigen Partner belästigt wurden, der diese überall hin verfolgt, sie verprügelt und öffentliches Aufsehen erregt? Wieviele Frauen müssen dem sexuellen Druck ihres Vorgesetzten am Arbeitsplatz nachgeben, weil sie sonst nicht beruflich aufsteigen können? Und die Zahl derjenigen, die auf der Straße von Männern belästigt werden, die es für eine männliche Pflicht halten, sich mit den Frauen anzulegen, diese zu begrabschen und  sich unaufhörlich an diese heranzumachen?

Wir können erst dann stolz auf das, was im Bezug auf die weibliche Würde erreicht wurde, sein, wenn wir anfangen können, diese Untaten aus der Welt zu schaffen, die momentan nicht einmal öffentlich diskutiert werden können.  Die Existenz unabhängiger Frauenorganisationen ist ausschlaggebend dafür, diese Forderungen durchzusetzen. Rückzugsorte für misshandelte Frauen, Rechtsvorschriften, die die Täter hart bestrafen und eine Presse, die das Leiden so vieler Frauen widerspiegelt werden grundlegend dafür, solche Grausamkeiten als vergangen anzusehen.

Übersetzung: Berte Fleissig