Personenkult im Parlament

Raul-Castro-Revolucion-Nikolai-Leonov_CYMIMA20150715_0001_16

Das Cover des Buches ‚Raúl Castro: un hombre en Revolución‘ (Raúl Castro: ein Mann in Revolution) von Nikolái Leónov.

Generation Y, Yoani Sánchez, 15. Juli 2015  Der Personenkult hat viele Gesichter. Angefangen bei dem, dessen Bildnis an allen Schulwänden zu sehen ist, bis hin zu den Schmeicheleien, die gewisse Funktionäre durch die staatlichen Journalisten erfahren. Trotzdem hatte es den Anschein, dass mit der blasser werdenden Erinnerung an Fidel Castro – aufgrund seines zwangsläufigen Rücktritts – auch die Zeiten der im Exzess betriebenen Verehrung einer Einzelpersönlichkeit der Vergangenheit angehörten. Jedoch wird dieser ominöse Kult mit all seinen Übertreibungen und Lächerlichkeiten fortgeführt.

An diesem Dienstag widmete sich die gesamte Nationalversammlung unseres Staates der Präsentation des Buches: Raúl Castro: Un hombre en Revolución (Raúl Castro: Ein Mann in Revolution), geschrieben von dem Russen Nikolái Leónov. Eine außerordentliche Parlamentssitzung hatte zum einzigen Ziel, die Anwesenheit bei der Veröffentlichung dieses Bands, das vom Capitán San Luis Verlag veröffentlicht wurde und mehr als 80 Fotos des Biografierten enthält, einige bisher unveröffentlicht.

Aus Bescheidenheit, oder weil er dem 11. Plenum des Zentralkomitees vorsitzen  musste, nahm Raúl Castro nicht an der Präsentation teil, aber diese Geste mindert die Zuneigung nicht. Hinzu kommt, dass er die Parlamentarier für etwas zweckentfremdet hat, das nicht innerhalb ihrer Funktionen liegt. Wie viel kostete dieser Tag, an dem sich die Abgeordneten zum Palast der Konventionen begeben mussten? Mit all den Problemen, die unser Land hat und von denen Millionen Leute betroffen sind – wie konnte man da einen ganzen Tag des „offiziellen Staatsorgans“ vergeuden, um einem einzigen Mann die Lobeshymnen zu singen?

In Situationen wie der gestrigen wird klar, dass der ominöse Personenkult in unserer Gesellschaft noch immer aufrechterhalten wird. Angekurbelt durch die einen, die ein paar Wenige abgöttisch verehren sowie die anderen, die sich mit diesen Schmeichelein in ihrer Eitelkeit aufplustern.

Übersetzung: Nina Beyerlein