Tsipras‘ „Verrat“

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Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras, während eines Interviews, das er dem staatlichen Fernsehen gab. (Alexandros Vlachos/EFE)

14ymedio, Generation Y, Yoani Sánchez, 14. Juli 2015 — Vor einer Woche war er ein Held, der von den offiziellen kubanischen Medien in den Himmel gehoben wurde; heute ist er eine politische Leiche und viele scheuen sich seinen Namen zu erwähnen. Alexis Tsipras hat verhandelt und verloren. Sein anfänglicher Parforceritt hat der Besonnenheit Platz gemacht und das Abkommen, das er gerade akzeptiert hat, macht ihn zu einem Verräter seiner eigenen Politik. In seiner Partei hört man schon kritische Stimmen zu dieser Übereinkunft, die er mit der Eurozone ausgehandelt hat; der „Platz der Revolution“ in Havanna verharrt in einem peinlichen Schweigen.

Einem dritten Hilfspaket, das etwa 86 Milliarden umfassen wird, wurde zugestimmt, um Griechenland damit aus der Klemme zu helfen. Das Geld ist an Bedingungen gebunden, die die griechische Regierung verpflichten Steuern anzuheben, die Pensionen zu kürzen und Privatisierungen in die Wege zu leiten. Aus und vorbei ist jene unnachgiebige Haltung eines Mannes, dem Fidel Castro zu seinem „brillanten politischen Sieg“ nach dem Referendum gratuliert hat.

Tsipras hat das akzeptiert, was er vor kurzem noch abgelehnt hat. Seine nationalistische Brandrhetorik endete mit einer pragmatischen Geste der Zustimmung. Politische Größe? Bewusstsein der Niederlage? Ein letztes Verziehen des Gesichts als Zeichen guter Absichten, ehe er sich durch die Hintertür von der politischen Macht in Griechenland verabschiedet? Schwierig das zu wissen. Wichtig ist, dass er sich entschlossen hat Griechenland nicht aus Europa herauszureißen; dass er den Dämon „Grexit“ ausgetrieben hat und nebenbei alle jene enttäuschte, die ihn aufstachelten, eine ganze Nation in den wirtschaftlichen Selbstmord zu führen.

Die Schlangen vor den Bankautomaten, die leeren Regale in den Geschäften und die wachsende Angst in der Bevölkerung haben mehr bewirkt, als alles solidarische Zublinzeln, das ihn, den Griechen, aus anderen Ecken der Welt erreichte. Sogar am Verhandlungstisch, wo er sein letztes politisches Kapital verspielte, sah man ihn unerschütterlich, gutaussehend, jugendlich.

Die Gegner der Europäischen Union werden ihm vorwerfen, dass er das Land an fremde Interessen verkauft hat; und die, die ihm nie glaubten, werden ihn mitleidig betrachten und dabei flüstern „wir haben es dir immer gesagt“.

Jetzt werden Schmähungen auf ihn herabregnen. Die Gegner der Europäischen Union werden ihm vorwerfen, dass er das Land an fremde Interessen verkauft hat; und die, die ihm nie glaubten, werden ihn mitleidig betrachten und dabei flüstern „wir haben es dir immer gesagt.“ Es ist schlechterdings nicht möglich, dass dieses griechische Schauspiel, in dem der Syriza-Führer der Hauptdarsteller ist, sich in etwas anderes als eine Tragödie verwandelt könnte, für seine Partei und für ihn selbst.

Wie eine hehre Marmorstatue blieb Tsipras in seiner Standfestigkeit gefangen; der Populismus, den er selbst auslöste, hat ihn jetzt zu Fall gebracht. Ein paar Versprechungen, um dem Wahlvolk zu gefallen, deren Umsetzung in die Praxis das Land aber noch tiefer hätte fallen lassen, als es jetzt schon gefallen ist. Das Referendum, eine Pantomime, war die letzte Geste seiner Eitelkeit, ehe er seine Sicht der Dinge verleugnete.

Tsipras wird im Verlauf der kommenden Wochen aufgeben, wenn die europäischen Parlamente – Griechenland eingeschlossen – das Abkommen behandeln und grünes Licht für seine Umsetzung geben werden. Jeder Schritt auf das dritte Hilfspaket zu und die Einhaltung der Forderungen wird die Person Tsipras verblassen lassen, der einen Teil der Nation mit seiner Rhetorik mit sich riss.

Keiner von denen, die ihm zu seinem Mut applaudierten, wird ihm auf die Schulter klopfen und anerkennen, dass er für sein Land gehandelt hat und nicht für sich selbst. Für sie alle ist Tsipras eine unbequeme Erinnerung an das was hätte sein können, oder auch die misslungene Gelegenheit mittels Griechenland die eigenen Rachegefühle auf die Weltbühne zu projizieren.

Übersetzung: Dieter Schubert