Die Landschaft vor dem Sturm

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Hauptsitz der Fimra Etecsa in Havanna. (14ymedio)

Bevor der Sturzregen beginnt, durchdringt die Stadt ein Geruch. Dieser kann als Einstimmung auf das Wasser betrachtet werden; eine Vorwegnahme des Regengusses. Die Vögel fliegen in Richtung ihrer Nester und die vorsichtigsten suchen Schutz in einem Hauseingang, bis der Regen vorbei ist. Dieses Gefühl von etwas das sich annähert, verspürt man in diesen Tagen vor einem möglichen Internetzugang für uns Kubaner. Es gibt zwar keine konkreten Anzeichen, die einen massiven Eintritt in den Cyberspace bestätigen würden, aber dennoch ist ein ungeduldiges Flattern in der Luft zu spüren.

Das Thema Internet hat im Rahmen öffentlicher Diskussionen im letzten halben Jahr mehr und mehr an Bedeutung gewonnen. Der Verwaltungsapparat Barack Obamas musste Stellung beziehen, damit die Bürokraten des Ministeriums für Informatik und Kommunikation, die darauf geschult sind, in die Defensive zu gehen, aufwachen. Mit der Einführung eines Maßnahmenpakets zur Flexibilisierung am vergangenen 16.Januar – auffällig an diesem sind die Maßnahmen, die mit den neuen Technologien und der Vernetzung zu tun haben – hat das Weiße Haus mehr als einen auf der Insel in Bewegung versetzt.

Vier Jahre nach der Installation des Glasfaserkabels zwischen Kuba und Venezuela bekommt man den Eindruck, dass der Regierungsapparat nicht länger rechtfertigen kann, warum wir eines der Länder mit der geringsten Vernetzungsquote weltweit sind. Auf der anderen Seite funktioniert der Atem nordamerikanischer Firmen wie Verizon oder AT&T, die im Nacken von ETASCA schnauben, wie ein Katalysator, um einen Datenservice einzurichten, der es dem kubanischen Telefonmonopol erlaubt, den nationalen Markt nicht zu verlieren.

Vor einigen Tagen ist passend dazu ein Dokument durchgesickert, in dem schriftlich die nationale Strategie festgehalten wird, die darauf abzielt, die Infrastruktur der Vernetzung Kubas für den Breitbandanschluss zu entwickeln.

Die Lektion von Isabel dos Santos, der reichsten Frau Afrikas und Tochter des angolanischen Präsidenten, muss nun unsere kubanischen Machtpolitiker wach halten. Sie wissen, dass diejenigen, die vom Fernmeldewesen und der Kommunikation profitieren, garantiert über ein mehr als sechsstelliges Vermögen verfügen werden. Dennoch sind sie sich der Tatsache bewusst, dass ein Unternehmen dieser Art Abkommen benötigt, Roamingverträge, vorteilhafte Tarifpakete und andere attraktive Angebote für die Nutzer. In der Welt, in der wir leben, lässt sich das mit einem Wort zusammenfassen: Vernetzung.

Die Realität hat ideologische Gefühlsausbrüche nach Art des Abel Prieto untersagt, der versicherte, dass man „nicht denen, die Geld haben, zu einem freien und offenen Internetzugang verhelfen werde, sondern jenen, die es brauchen, um ihre Studien und Nachforschungen voranzubringen. Der eigene Mobilfunkservice zeigt, dass Letzterer aus der Schlacht zwischen Politik und Markt als Gewinner hervorgegangen ist. Die Benutzer von Cubacel – ausgenommen diejenigen, die Cubacel als Privileg für ihre Arbeit für die Staatssicherheit oder andere strategischen Sektoren erhalten – müssen für die Dienstleistung mit konvertiblen Pesos bezahlen. Um ein Mobiltelefon zu erhalten, haben sich die rauen Bedingen des Marktes etabliert, also dem Geld das man in der Hosentasche hat, und nicht der Treue zu einer Idee.

Vor einigen Tagen ist passend dazu ein Dokument durchgesickert, in dem schriftlich die nationale Strategie festgehalten wird, die darauf abzielt, die Infrastruktur der Vernetzung Kubas für den Breitbandanschluss zu entwickeln. Trotz des Enthusiasmus, mit dem der Text von den Internethungrigen aufgenommen wurde, sind die Fristen, die das Programm vorschlägt rücksichtslos. Man spricht davon, „für das Jahr 2020 zumindest das Ziel zu erreichen, dass nicht weniger als 50% der Haushalte über einen Breitbandanschluss verfügen“ , während man zwei Jahre früher schon für „Körperschaften der Partei auf nationaler, provinzieller und städtischer Ebene, für Staatsorgane, sowie für Einrichtungen des zentralen Verwaltungsapparats“  100% zu erreichen vorsieht. Es dürfe nicht überraschen, wenn die Menschen ab jetzt Mitglieder der PPC (Kommunistische Partei Kuba) werden, um Zugang zum riesigen weltweiten „Spinnennetz“ zu erhalten.

Es dürfe nicht überraschen, wenn die Menschen ab jetzt Mitglieder der PPC werden, um Zugang zum riesigen weltweiten „Spinnennetz“ zu erhalten.

Auf der anderen Seite ist diese Woche Brett Perlmutter, Führungskraft bei Google Ideas, auf Kuba zu Besuch. Seine Anwesenheit wurde den Medien als eine Art Erkundung erklärt, um „einen besseren Internetzugang auf die Insel zu bringen“. Laut eines Beamten des Außenministeriums, der anonym bleiben möchte, „habe Google dem kubanischen Staat ein Angebot gemacht, um bei der Vernetzung des Volkes zu helfen“. Er fügte hinzu, dass „wir nicht wissen, was angeboten wurde; aber wir wissen, dass etwas angeboten wurde“.

Abgesehen davon, was Google – zwischen dem offiziellen Misstrauen und dem Aufschieben durch kubanische Beamte – erreicht, verstärkt seine Anwesenheit auf der Insel das Gefühl von Dringlichkeit. Es vermittelt der kubanischen Regierung den Eindruck, dass die Türen, die sie angesichts der Kilobyte-Flut verschlossen haben, nicht nur nicht funktionieren, sondern Gefahr laufen von innen oder von außen hinweggefegt zu werden. Heliumballons, Minisatelliten, WIFI-Antennen hergestellt aus Pringels-Kartoffelchipsverpackungen, heimliche drahtlose Netzwerke, mit deren Hilfe Inhalte sowie auch das respektlose Medienpaket verbreitet werden, setzen eine Struktur schachmatt, die geschaffen wurde um zu zensieren, sich aber für das Zuwege bringen einer Öffnung als ineffektiv erweist.

Es riecht nach Regen in diesen Tagen; sicher wird uns ein Schwall feuchter Luft erreichen; er lässt den Vogel des Internets auf uns zu fliegen.

Übersetzung: Berte Fleißig