Kunst und Bedürftigkeit

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Installation zur 12. Biennale in Havanna an der Uferstraße Malecón. (14ymedio)

Ein Mann nähert sich, zieht eine Gabel aus dem Kunstwerk Delicatessen heraus, das während der 12. Biennale von Havanna entlang an der Uferstraße Malecón ausgestellt wird. Nicht weit davon entfernt spekulieren zwei Nachbarinnen darüber, ob der Sand, der für Resaca verwendet wurde, den Bewohnern des Stadtviertels geschenkt wird, wenn die Ausstellung vorbei ist, damit sie ihre Wohnungen damit renovieren können. Da alles knapp ist, findet man neben der künstlerischen Wertschätzung der Besucher auch Unruhe und Dreistigkeit, da sie in ein Kunstwerk mit einbezogen werden, das sie am liebsten zu ihrem Eigentum machen und es zur Wiederverwertung mit nach Hause nehmen wollen.

Die Ankunft der Biennale in unserer Stadt ist ein guter Moment um die ästhetischen Überraschungen zu genießen, die uns an allen Ecke erwarten, doch sie lässt uns auch wahrnehmen, wie Kunst und Bedürftigkeit aufeinanderprallen. In der Nähe der Werke mit höherem Materialaufwand trifft man stets auf den forschenden Blick eines Wächters. Bewachte Kunstwerke mit dem Schild „Nicht berühren“ oder von Absperrungen umgeben, sind auf Gehwegen und in Parks reichlicher vorhanden, als sie sein sollten.

Es besteht ein Kontrast zwischen der Interaktion, die die Künstler suchen wenn sie ihre Werke an öffentlichen Plätzen ausstellen, und dem exzessiven Schutz, dem sie ausgesetzt sind, damit es nicht soweit kommt, dass genau diese Öffentlichkeit sie stückweise in Taschen packt und wegträgt.

Zum Wachmann, der Vandalismus oder Plündereien vermeiden soll, gesellt sich der ideologische Kurator, der verhindert, dass auch nur irgendeine Installation, Performance oder Präsentation von den offiziellen Vorgaben abweicht.

Zum Wachmann, der Vandalismus oder Plündereien vermeiden soll, gesellt sich der ideologische Kurator, der verhindert, dass auch nur irgendeine Installation, Performance oder Präsentation von den offiziellen Vorgaben abweicht. Sicherheitsbeamte, die für eine künstlerische Richtigkeit sorgen, haben Tania Bruguera am vergangenen Wochenende daran gehindert, das Museum der Schönen Künste zu betreten. Diese Zensoren des freien Schaffens zwangen auch Gorki Águila gewaltsam in ein Auto, nachdem sie ihn daran gehindert hatten, ein Bild mit dem Gesicht des Graffiti-Sprayers El Sexto an der gleichen Mauerwand anzubringen, an der dieser uns seine unauslöschliche Unterschrift hinterlassen hat.

Bedürftigkeit kennzeichnet jedes Kunstwerk der Biennale von Havanna: Die materielle Bedürftigkeit, wo eine Schraube, die in irgendeinem Sockel steckt in einer Haustür enden könnte, oder in einem Stuhl, oder selbst in dem Bett, in dem jede Nacht bis zu vier Personen schlafen. Und die andere Bedürftigkeit, die nach Freiheit, die uns dazu bringt, uns der Kunst zu nähern, um von ihrer Rebellion ein Stückchen mitzunehmen, bevor die Trillerpfeife des Wachmanns ertönt und wir uns mit leeren Händen davonmachen.

Übersetzung: Nina Beyerlein