Von Ubre Blanca zum Stier mit den sieben Beinen

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Abbildung einer Kuh (14ymedio)

Das Außerordentliche und das Ungewöhnliche waren eine lange Zeit lang unsere Hoffnung. Auf dieser Insel musste Atlantis sein, Alexander der Große wiedergeboren werden und die Kuh leben, die die meisten Liter Milch in der Geschichte der Menschheit gab. Wie jedes junge Volk brauchten wir das Gefühl, das keiner uns übertraf und das das Gewöhnliche von unseren Grenzen fern blieb. Ubre Blanca, die Kuh, die immernoch den Rekord im Guinness-Buch der Rekorde hält, war ein Opfer dieser nationalen und politischen Eitelkeit. Die Zeiten dieser übertrieben Erfolge in der Viehzucht sind längst vorbei und nun können wir nurnoch mit unseren Missbildungen prahlen.

Muñeco ist ein Stier mit sieben Beinen. Die lokale Presse erzählte gerade erst seine Geschichte, vom wilden einjährigen Kalb, das von zwei Zebus abstammt und letztendlich von Diego Vera Hernández, einem Viehzüchter aus der Stadt Trinidad, adoptiert wurde. Dieses Tier unterscheidet sich von den anderen, die auf den kubanischen Feldern an Hunger und Durst zu Grunde gehen, darin, dass es auf dem Rücken, in der Nähe des Nackens, drei weitere Beine und einen Testikel hat. Seine Anatomie vereint alles was die staatliche Rhetorik braucht: Auf der einen Seite das Unglaubliche und auf der anderen Seite dieser zusätzliche Hauch von Manneskraft, der nichts und niemanden, der damit prahlt „Made in Kuba“ zu sein, fehlen sollte.

Die Zeiten dieser übertrieben Erfolge in der Viehzucht sind längst vorbei und nun können wir nur noch mit unseren Missbildungen prahlen.

Die drei zusätzlichen Beine haben Muñeco vor der illegalen Schlachtung bewahrt, durch die so viele seiner Artgenossen, auf Grund der Notwendigkeit und der schlechten Verwaltung im aktuellen System unserer Viehzucht, sterben. Dieses Stück eines anderen Stiers, das von seinem Rücken baumelt, hat ihn vor dem Schlachtermesser in den frühen Morgenstunden bewahrt, weil ein aufgeweckter Viehzüchter bemerkte, dass er eine Messeatraktion, ein Zirkustier, vor Augen hatte, das er den Zeitungen und auf Landwirtschaftsmessen vorführen konnte. Aber es gibt keinen großen Unterschied zwischen diesem Haustier mit den verrückt spielenden Genen und der Kuh, die alle unsere Hoffnungen repräsentierte, als die Milch reichlich floss und wir fast schon in Käse- und Yoghurtfabriken ertranken.

Ubre Blanca starb durch die Unersättlichkeit eines Anführers, der nur auf Resultate aus war, aber Muñeco lebt für den Stolz einer Nation, die durch ihre eigenen Missbildungen gezeichnet ist.

Anm. der Übers.:  Die Kuh namens Ubre Blanca (auf deutsch: Weißes Euter) gab im Jahr 1982 an einem Tag 109,5 Liter Milch (das Vierfache der üblichen Menge) und symbolisierte in den Zeiten vor der Milchkrise die Erträge und den Fortschritt von Kubas Agrarwirtschaft.

Übersetzung: Anja Seelman