Unsere Kinder machen uns stärker

Es gibt eine Erinnerung, in die ich mich oft hineinflüchte. In Stresssituationen reise ich in die frühen Morgenstunden jenes Augusttages zurück, an dem ich meinen Sohn zum ersten Mal in den Armen hielt. Wenn die Angst mich zu überwältigen droht, denke ich an die winzigen Fingernägel, die ihm in meinem Bauch gewachsen sind; sie sind so weich und perfekt an die Fingerkuppen angepasst. Mich beruhigt auch, mir seine Handrücken ins Gedächtnis zu rufen, gekennzeichnet vom Fruchtwasser, in dem er all die Zeit heranwuchs. Zurückgezogen in diese Erinnerung fühle ich mich, als ob es keine Unterdrückung und keinen Hass gibt, die mich erreichen können; ich werde durch seine Geburt geschützt.

Kinder schenken uns Willensstärke. Wenn die Augenlider schwer sind und der schrillste Wecker uns nicht zum Aufstehen bewegen kann, reicht es schon, dass sie in der Wiege quengeln und wir springen aus dem Bett. Wenn sie das Licht der Welt erblicken, während wir noch Studenten sind, geben sie uns das Selbstvertrauen zu glauben, dass wenn wir das Muttersein mit Bravur gemeistert haben, es kein Universitätsdiplom gibt, das wir nicht schaffen könnten. Mit ihren Blicken und ihren Fragen zwingen unsere Kinder uns auch dazu, weniger feige zu sein. Wie erklärt man einem Kind am besten, dass manchmal Schweigen Gold ist und Menschen nicht immer die sind, die sie vorgeben zu sein, ohne dabei ihr Weltbild zu zerstören?

Kinder sind immer bessere Menschen als wir. Aus diesem Grund werde ich heute, während in vielen anderen Haushalten auf Kuba die Mütter sich an diesen besonderen Tag zurückerinnern, einige erfüllt mit Liebe, andere erfüllt mit Traurigkeit, die die Entfernung mit sich bringt, meinem  „Kleinen“ etwas schenken. Es mag nur ein kleines Geschenk sein; ich werde mittags für uns kochen, was uns die Zeit gibt, uns zu unterhalten, während er die Gewürze kleinhackt und ich die Pfanne erhitze. Vielleicht erzählt er mir von letzter Woche, von einem Buch oder einem Mädchen, das er kennengelernt hat. Während wir uns unterhalten, werde ich mir heimlich seine Hände anschauen, die heute viel größer und kräftiger als meine eigenen sind. Ich werde jene Geräusche, die er als Baby von sich gab mit seiner heutigen kräftigen Stimme vergleichen und ich werde danach feststellen, dass dieser Mann, der heute vor mir steht, mir die Kraft, ja sehr viel Kraft gibt, um weiterzumachen.

Es sind 20 Jahre vergangen und ich brauche noch immer kein anderes Geschenk zum Muttertag, da ich meines schon bekommen habe und es hier vor mir steht.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm