Nach der Tragödie: Die Dinge, die bleiben

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Bergungsarbeiten in den Alpen wo das Flugzeug der Germanwings zerschellte. (Ministère de l’Intérieur)

Auf der Bergflanke liegen verstreute Kleider, offene Koffer, Puppen von Kindern, die nie mehr mit ihnen spielen werden. Dinge, die Menschen gehörten, die bis vor kurzem noch am Leben waren und von denen kaum Erinnerung bleiben wird; weitverstreute Objekte, die man wird zuordnen müssen, um sie an die Familien der Opfer zurückzugeben. Die Tragödie der A320 von Germanwings, die in den französischen Alpen zerschellte, lässt mich – wie viele Andere – über die kurze Sekunde nachdenken, die uns vom Tod trennt. Ein suizidgefährdeter Co-Pilot; ein Wahnsinniger am Steuerknüppel; ein Krieg, den andere vom Zaun brachen…, die tausend und eine Art zu sterben, die das Leben für uns bereit hält.

An einem Abend im Jahr 1985 versammelte sich meine Familie um den gedeckten Tisch und wartete auf die Großmutter. Sie ist nie gekommen, weil sie in einer nahen Cafeteria in die heftige Auseinandersetzung zweier Saufkumpane geriet, wobei sie tödlich verletzt wurde. Auf dem Tisch blieb ihr Teller liegen. Kalt, allein, mit dem Löffel an der Seite; das Wasserglas hinterließ auf dem Holz einen kreisrunden feuchten Abdruck. Später waren es ihre Schuhe, das Portmonee, in dem sich ihr Geld befand und eine Muskatnuss. Die Kleider im Schrank, einige Jugendfotos von ihr; wir werden sie nie mehr fragen können, wo sie aufgenommen wurden.

Manchmal ist es viel schwieriger mit den nachgelassenen Sachen der Verstorbenen umzugehen, als mit den Erinnerungen selbst. Was soll man mit dem Zettel anfangen, auf den sie notierten, ehe sie das Haus verließen, dass man Eier, Salz und etwas Olivenöl kaufen sollte? Was mit den Schubladen, mit dem Bettlaken, in denen sie die letzte Nacht verbrachten; was mit den Keksen, die sie so liebten? Wie kann man den Kamm zum Schweigen bringen, auf dem noch ihre Haare sind, wenn er auf seine Art spricht? Wie den Facebook Account, wo sie zum allerletzten Mal auf „Gefällt mir“ klickten; wie den roten Kringel auf dem Kalender, mit dem sie ihren Geburtstag markierten?

Die Dinge, die uns Verstorbene hinterlassen, sprechen ihre eigene Sprache. Immer wenn wir sie betrachten, erinnern sie uns daran, dass der, der diese Kleidung trug, der jenen Bleistift hielt oder sich in diesem Spiegel betrachtete, bis gestern noch jemand war, der atmete… und den wir liebten!

Übersetzung: Dieter Schubert

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