Mexiko hat all seine Tränen aufgebraucht

MovilizaciAn-DF-Twitter-Manuel-Karg_CYMIMA20141124_0008_16

Protestmarsch in Mexiko City wegen der 43 Verschwundenen. (Twitter von Juan Manuel Karg)

Als ich zum ersten Mal in Mexiko war, beeindruckten mich sein großes Potenzial und seine riesigen Probleme. Mich faszinierte die Kultur der Maya, deren Kalender sich im Laufe der Zeit verliert, vor allem wenn wir sie mit der Geschichte Kubas vergleichen, die noch in den Kinderschuhen steckt. Jedoch schockierte mich am meisten, dass meine Freunde und Bekannten mich ständig warnten und mir Ratschläge gaben, dass es nicht sicher auf den Straßen sei, und wegen der vielen Gefahren die dort lauern würden.

Die herzzerreißendsten Worte, die ich während meines Besuches hörte, kamen von Judith Torrea, einer spanischen Journalistin, die in Ciudad Juárez lebt und Geschichten über Mütter sammelt, deren Töchter im Teenageralter nicht mehr von ihrer Arbeit oder ihrer Universität heimgekommen sind.

Es tat mir sehr weh, sehen zu müssen, dass der gewaltsame Tod in einigen Regionen dieses wunderschönen Landes zu etwas Alltäglichem geworden ist. La Catrina – Mexikos hoheitsvolle Dame des Todes – lächelte nicht mehr; ihre leeren Augenhöhlen schienen eine traurige Ahnung davon zu haben, was ihr fehlt, um in Mexico zu „leben“. Das Verschwinden von 43 Studenten aus Ayotzinapa hat an Schrecken alles Bisherige übertroffen, was die Menschen durchmachen, die in einer Gesellschaft leben, wo Korruption, ein unwirksames Rechtssystem und bewaffnete Drogenkartelle seit langer Zeit den Ton angeben. Als ob man einer Bevölkerung, die durch die erlittenen Verluste schon gebrochen war, noch weitere Wunden hätte zufügen können.

 Als ob man einer Bevölkerung, die durch
die erlittenen Verluste schon gebrochen war, noch
weitere Wunden hätte zufügen können.

 

Jeder einzelne dieser verschwundenen Jugendlichen war ungefähr im Alter meines Sohnes Teo. Einige Fotos erinnerten mich sogar an sein goldbraunes Gesicht und seine mandelförmigen Augen. Auch er hätte einer von jenen sein können, die eines Tages aus der Uni kamen und sich entschlossen gegen die derzeitigen Zustände zu protestieren. Alles weist darauf hin, dass die lokalen politischen Führungspersonen, die mit den Drogenkartellen zusammenarbeiten, gewaltsam das Leben derer beendet haben, die noch ihr ganzes Leben vor sich hatten. In den letzten Wochen haben die Familienangehörigen Phasen voller Tränen, voller Hoffnung und immer wieder voller Schmerz durchlebt. Solange sich die schreckliche Wahrheit nicht bestätigt, will sie keiner wahrhaben, aber die Anzeichen lassen das Schlimmste vermuten.

Mexiko hat all seine Tränen aufgebraucht. Lateinamerika muss nun diese herzliche Nation begleiten, sowohl auf der Suche nach Antworten zum Verschwinden der Studenten, aber auch auf dem Weg zu einer Lösung der großen sozialen und institutionellen Probleme, die der Auslöser für dieses Unglück waren. Wir anderen Lateinamerikaner müssen den Mexikanern unsere Solidarität zeigen und mit ihnen ihren Schmerz und ihren Zorn teilen. Niemand soll seinem Kind mehr in die Augen schauen, ohne an die verschwundenen Jugendlichen zu denken.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm