Havanna, wie du mir schmerzt!

zum 495. Geburtstag der Stadt 

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Eingestürztes Haus in Havanna. (Foto Silvia Corbelle)

Aus Havanna zu sein, bedeutet mehr als dass man in einem bestimmten Gebiet geboren wurde. Es bedeutet, dass man dieses Gebiet immer auf seinen Schultern trägt und sich nicht von ihm lösen kann. Ich war sieben Jahre alt als ich zum ersten Mal erkannte, dass ich zu dieser Stadt gehörte. Einmal war ich in einem kleinen Dorf namens Villa Clara und versuchte an die Guajaven an einem Ast heranzukommen, als eine große Gruppe Kinder des Ortes mich und meine Schwester umringte und alle riefen: „Sie sind aus Havanna! Sie sind aus Havanna!“ Zu diesem Zeitpunkt verstanden wir den ganzen Aufruhr nicht, aber mit der Zeit wurde uns klar, dass wir ein trauriges Privileg haben. Nämlich das, in dieser heruntergekommenen Großstadt geboren zu sein, deren größter Reiz in dem liegt, was sie sein könnte und nicht in dem was sie ist.

Ich bin ein totaler Stadtmensch. Aufgewachsen bin ich in einem Teil des Viertels Cayo Hueso, in dem die nächsten Bäume mehr als 500 Meter entfernt waren. Ich sehe mich als eine Tochter des Asphalts, des Geruchs nach Kerosin, der Wäscheleinen an den Balkonen, von denen es heruntertropft, und der Abwasserkanäle, die hin und wieder einmal überlaufen. Dies war niemals eine einfache Stadt. Nicht einmal auf den Postkarten für die Touristen, mit ihren überarbeiteten Farben, ist ein bequemes und verständliches Havanna zu sehen.

Manchmal will ich nicht mehr durch die Stadt laufen, weil es mir Schmerz bereitet. Ich gehe die Straße Belascoaín hinauf, mit dem Rücken zum Meer mit dieser Brise, die ich so gut kenne. Ich komme an die Kreuzung zur Straße Reina. Dort steht eine Kirche im gotischen Stil, die, als ich noch klein war, so auf mich wirkte als würde sie sich in den Wolken verlieren. Als ich 17 Jahre alt war, sah ich dort zum ersten Mal einen Weihnachtsbaum. Ich gehe weiter durch die Portale, hier und da in hüpfenden Schritten. Von einigen Treppen laufen Wasserrinsel herunter und eine Frau versucht mir Cremitas de leche* zu verkaufen, die die gleiche Farbe wie die Straße haben.

Havanna ist eine Stadt
des Geschreis und des Flüsterns.
Derjenige, der sich nur auf das Geschrei konzentriert
wird wir nie ihr Getuschel hören.

 

Ich sehe schon die Ampel in der Straße Galiano, aber meine Schritte verlangsamen sich, da sehr viel los ist. Ein Polizist biegt um die Ecke und manche verstecken sich hinter den Türen oder gehen schnell in die Geschäfte als ob sie etwas kaufen wollten. Sobald der Polizist weg ist, werden sie zurückkehren und ihre Waren flüsternd anbieten. Denn Havanna ist eine Stadt des Geschreis und des Flüsterns. Derjenige, der sich nur auf das Geschrei konzentriert, wird nie ihr Getuschel hören. Das Wichtigste sagt man immer mit einem Zeichen, mit einer Geste oder mit einer schnellen Lippenbewegung, die sagt: „Vorsicht“, „Da kommt jemand“ oder „Folge mir“. Eine Sprache, die sich in Jahrzehnten der Heimlichkeit und der Illegalität entwickelt hat.

Die Straße Neptuno ist schon in der Nähe. Ich habe ein altes Ehepaar gehört, dass vor einer Fassade stand und sagte: “Hey, war hier nicht…?”, aber ich habe den Rest des Satzes nicht gehört. Es ist auch besser so, den Havanna ist wie eine Sequenz von Erinnerungen und der Nostalgie. Wenn man durch die Stadt läuft ist es als würde man auf dem Pfad der Verluste gehen. Dort wo ein Gebäude abgerissen wird, bleibt der Schutt noch Tage, Wochen liegen. Dann bauen sie einen Parkplatz in die Lücke, die entstanden ist oder stellen einen Kiosk hin, um Seifen, Süßigkeiten und Rum zu verkaufen. Viel Rum, denn dies ist eine Stadt, die ihr Leid im Alkohol ertränkt.

          dies ist eine Stadt,
die ihr Leid im Alkohol ertränkt 

Ich komme am Malecón an. In weniger als einer halben Stunde habe ich das Stück der Stadt durchlaufen, das in meiner ganzen Kindheit die gesamte Stadt zu beinhalten schien. Ich bin eine Guajira** aus dem Zentrum von Havanna, eine von denen die denken, dass nach der Straße Infanta die Grünflächen liegen. Mit der Zeit habe ich verstanden, dass diese Stadt viel zu groß ist, um sie zu kennen. Ich erkannte auch, dass auch diejenigen die in den Vierteln Diez de Octubre, el Cerro, el Vedado oder Marianao aufgewachsen sind diesen Schmerz spüren. Es ist ganz egal, denn Havanna zeigt seine Wunden in jedem Viertel.

Ich berühre die Mauer, die uns vom Meer trennt. Sie ist rau und warm. Wo sind wohl diese Kinder, die mich in meiner Kindheit – in einem winzigen Dorf – erstaunt angesehen haben weil ich aus Havanna war? Würden sie diese Last tragen wollen? Sind sie auch hier gelandet und leben nun zwischen den Müllhalden und den Lichtern? Tut es ihnen so sehr weh wie mir? Ich bin mir sicher, dass es so ist, denn Havanna ist nicht einfach nur der Ort, der in unseren Ausweispapieren steht. Diese Stadt ist ein Kreuz, das man überall mit hin schleift, ein Ort, der dich, wenn du ihn einmal erlebt hast, nie wieder loslässt.

Anm. d. Übers:

*Cremitas de leche sind ein meist kleines und rundes, typisches Gebäck auf Kuba, dass überwiegend aus Milch und Zucker besteht.

**Guajira ist auf Kuba eine Bezeichnung für die Landbewohner.

Übersetzung: Anja Seelmann

 

 

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