14ymedio bleibt noch eine Weile, Ihr Herren von der Staatssicherheit

Der Journalist Juan Carlos Fernández und die Ökonomin Karina Gálvez Chiú. (Quelle: Facebook)

Der Journalist Juan Carlos Fernández und die Ökonomin Karina Gálvez Chiú. (Quelle: Facebook)

Für Juan Carlos Fernández war es ein Montagnachmittag wie jeder andere. Das Wasser wollte einfach nicht aus dem Rohr kommen, deshalb holte er es Glas für Glas vom Spülbecken unten im Haus. Alles in der Familie drehte sich um die Schwiegermutter, die schon seit einem halben Jahr mit dem Tod kämpft, und gelegentlich schaut der schlaksige und fröhliche Mann aus Pinar del Rio auf sein Telefon; sieht nach, ob er eine Nachricht erhalten hat.

Der Alltag wurde in dem Moment unterbrochen, als jemand an die Tür klopfte und und ihm eine polizeiliche Vorladung überreichte. Juanca – wie ihn seine Freunde nennen – ist daran gewöhnt, dass ihn die Staatssicherheit zur Berichterstattung vorlädt. Seine lange Zusammenarbeit mit der Zeitschrift Conviencia und sein Aufbegehren als Bürger haben ihn unzählige Male auf Polizeistationen und in Arrestzellen gebracht. Deshalb blieb er völlig gelassen und informierte all diejenigen, die ihn mochten und schätzten.

Diesen Morgen saß er dann einer Polizeibeamtin des Instituts für Technische Forschung (DTI) gegenüber. Das Thema, um das es ging, war ebenso vorhersehbar, wie es ihn in seinen Rechten verletzte. Die Mitarbeit bei unserer kleinen digitalen Zeitung war der Grund, warum ihm die Ohren letztens lang gezogen wurden.

„Sie nahmen ein Verwarnung gegen mich zu Protokoll, weil ich für einen illegalen, nicht registrierten Verlag arbeite.“, erzählte mir Juanca. Mit jener Mischung aus Spitzfindigkeit und Humor, die typisch für ihn ist, erwiderte er der Frau, dass sie doch die Legalisierung von 14ymedio erlauben sollten. Natürlich antwortete sie ihm nur ausweichend auf seinen Vorschlag, denn es scheint eine unabdingbare Voraussetzung zu sein, nicht-regierungstreuen Medien ihre Existenz zu verbieten, um die staatliche Presse am Leben zu halten, die aus journalistischer Sicht so schlecht ist, dass sie nur durch ihren Monopolstatus ein gewisse Leserschaft erreicht.

“Ihr seid keine Journalisten”, meinte die Beamtin hochmütig, worauf Juanca flink konterte: „So gesehen, war auch Martí* keiner.“

Neben anderen Falschdarstellungen sagte die Polizistin zu ihm, 14ymedia sei eine von der USAID finanzierte Zeitung. Obwohl es sich hierbei um eine Anschuldigung handelt, die sich bei allen unabhängigen Projekten wiederholt, beweist sie in diesem Fall doch eher Unwissenheit als böse Absicht. Diese Zeitung hat – öffentlich zugänglich und transparent – eine Unternehmensstruktur, deren Einzelheiten man der digitalen Website unter 14ymedio  – wer wir sind entnehmen kann.

Diese Art der Finanzierung war gerade eine der Bedingungen, die uns unerlässlich erschien, um einen modernen Journalismus mit einem nachhaltigen Pressemedium zu etablieren. Im Unterschied zur Granma und all den anderen staatlichen Zeitungen, langen wir nicht in die Staatskasse um Polit-Propaganda zu betreiben. Es stimmt, dass wir schon sehnsüchtig auf ihre Genehmigung warten, unser Kleinunternehmen in das Gewerberegister unseres Landes eintragen zu dürfen. Werden sie sich trauen, uns das zu genehmigen?

Wir warten schon sehnsüchtig auf ihre Genehmigung um unser Kleinunternehmen ins Gewerberegister einzutragen…. Werden sie sich trauen, uns das zu genehmigen?

 

Wir möchten eine juristische Person werden, ein Schild an der Tür unserer Redaktion anbringen und ohne Angst unseren eigenen Presseausweis vorzeigen können. Warum verweigern sie uns dieses Recht? Haben sie noch nicht bemerkt, dass eine von einer Partei vereinnahmte Presse nicht dem informellen Bedarf eines Landes deckt, das so pluralistisch und verschiedenartig ist wie das unsere? Werden sie irgendwann den politischen Mut aufbringen und ein Gesetz herausbringen, damit ein unabhängiger Journalismus aus der Illegalität ins öffentliche Leben treten kann?

Wenn diese Funktionärin lügt, ohne uns das Recht auf eine Gegendarstellung einzuräumen, benutzt sie ihre Autorität für einen Amtsmissbrauch. Dies wird zunehmend dramatischer, wegen der weit verbreiteten Desinformation, mit der der größte Teil der kubanischen Bevölkerung lebt – und offensichtlich auch die politische Polizei.

Eingehüllt in ihre Uniform, sagte die Beamtin noch zu Juanca, dass unser Kommunikationsmittel sich damit beschäftige, die „Errungenschaften der Revolution zu diffamieren und zu beleidigen.“ Mit dieser Behauptung sagt die Frau ganz klar, dass in diesem Land nur Medien existieren können, die ein Loblied auf das System singen und sie gibt andererseits zu verstehen, dass sie einen privilegierten Zugang auf 14ymedio hat, denn seit unserer Gründung am 21. Mai blockieren uns die Server der Insel. Sehr geehrte Frau, verschaffen Sie sich mit anonymen Proxys Zugang auf unsere Seite? Oder noch schlimmer: Sprechen Sie von etwas, das Sie noch nie gesehen haben? Ich fürchte, Letzteres ist der Fall.

Ich fordere diese Polizistin dazu auf, mir nur ein einziges Merkmal des heutigen politischen Systems auf Kuba aufzuzeigen, das die Bezeichung „Revolution“ erlaubt. Wo bleibt die Dynamik? Die Reformbestrebung? Die Bewegung? Bitte, bringen Sie alle ihre Worte auf den neuesten Stand – nicht aus Respekt vor dieser abtrünnigen Philologin, die an die Semantik der Begriffe glaubt – sondern: Solange Sie nicht öffentlich gestehen, dass Sie in der Geschichte feststecken, verknöchert und fossil, werden Sie auch die Lösungen nicht vorlegen können, die diese Nation so dringend braucht.

Während der Vernehmung wurde unserem Korrespondenten aus Pinar del Río damit gedroht, dass er bei weiterer journalistischer Tätigkeit verhaftet und sein Telefon sowie seine Kamera konfisziert werden könnten. Was ist das für ein ideologisches Bollwerk, für das Information eine Gefahr darstellt? Tatsächlich verstehe ich von Mal zu Mal weniger.

In der Situation, in der wir jetzt sind, ist alles möglich. Repressionen der schlimmsten Art, wie im Schwarzen Frühling 2003; Gewehrkolben, die Türen einschlagen, die Weiterführung der Diffamierungs-Kampagne, die immer weniger Wirkung hat,… all das und vieles mehr. Eines wird jedoch trotz der Angst und des Drucks nicht geschehen: dass wir damit aufhören, Journalismus zu machen. 14ymedio bleibt noch eine Weile, deshalb ist es besser, wenn sie sich langsam daran gewöhnen mit uns zu leben.

Anmerkungen der Übersetzer:
* José Martí (1853-1895) war ein kubanischer Schriftsteller und Journalist. Er gilt als Nationalheld und als Symbol für den Unabhängigkeitskampf des Landes

Übersetzung: Nina Beyerlein und Dieter Schubert