Schulgeldfreiheit?

Erstklässler (14ymedio)

Erstklässler (14ymedio)

Die Schulklingel läutet und die Kinder betreten, gefolgt von ihren Eltern, das Klassenzimmer. Am ersten Schultag sind einige außer sich vor Freude und andere vergießen ein paar Tränen, weil sie ihre gewohnte Umgebung vermissen. So ging es auch Carla, die gerade mit der Vorschule im Stadtviertel El Cerro angefangen hat. Das Mädchen hat Glück, weil es eine Lehrerin bekommen hat, die seit mehreren Jahren an der Grundschule unterrichtet und daher den Lehrstoff gut beherrscht, den sie vermitteln soll. „Was für ein Glück!“, dachten die Familienangehörigen der Kleinen bevor eine andere Mutter sie warnte: „Die Lehrerin ist mit Vorsicht zu genießen. Sie verlangt von jedem ihrer Schüler einen Teil des Pausenbrotes, das sie von zu Hause mitbringen.“

Am Abend jenes 1. Septembers fand die erste Elternversammlung statt. Nachdem sich alle vorgestellt hatten und die Eltern willkommen geheißen wurden, zählte die Lehrerin alles auf, was man für das Klassenzimmer noch kaufen müsse. „Wir müssen Geld für einen Ventilator sammeln“, sagte sie ohne rot zu werden. Da Carla unter der Hitze am Morgen schon sehr gelitten hatte, zahlte ihre Mutter die drei konvertiblen Pesos (CUC), die dafür gedacht waren, dass ihre Tochter während des Unterrichts etwas Erfrischung bekäme. „Außerdem brauchen wir für die Reinigung einen Besen und einen Lappen, drei Energiesparlampen und einen Mülleimer.“, ließ die Vertretungslehrerin verlauten.

Die Liste der benötigten Objekte wurde immer länger. Als nächstes kam ein Desinfektionsmittel für das WC hinzu, „weil wir ja nicht wollen, dass sich hier jemand die Pest holt!“, sagte die Lehrerin. Die gewünschten Ausgaben wuchsen immer weiter an. Als nächstes kam ein Schloss hinzu, „damit die Sachen nicht gestohlen werden, wenn niemand in der Schule ist.“ Für einen neuen Anstrich der Tafel bot ein Vater grüne Farbe an und ein anderer versprach, die Scharniere an der Tür zu reparieren, weil diese an einer Seite herunterhing. „Ich rate Ihnen, dass Sie die Hefte für die Kinder auf der Straße kaufen, weil die, die wir heuer bekommen haben, Seiten dünn wie Zwiebelschalen haben und daher schon reißen, wenn man etwas wegradiert.“, fügte die Lehrerin hinzu.

Am Ende des Elternabends kam die Familie von Carla auf die stolze Summe von 250 kubanischen Pesos für die Bildung ihrer Tochter. Das entspricht der Hälfte des monatlichen Gehalts des Vaters als Chemieingenieur. Dann betrat die Direktorin den Raum und wiederholte mit Nachdruck: „Wenn jemand einen Schreiner kennt und ihn engagieren will, damit er den Tisch seines Kindes im Klassenzimmer repariert, dann steht dem nichts im Wege.“

 Übersetzung: Eva-Maria Böhm