Wer sind die Neuankömmlinge an unseren Universitäten?

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Die neuen Studenten (14ymedio)

Sie wurden inmitten der Sonderperiode geboren, lebten gefangen in diesem System zweier Währungen und wenn sie ihren Titel erhalten, wird Raúl Castro nicht mehr an der Macht sein. Ich spreche von den mehr als hunderttausend Heranwachsenden, die nun ein Studium angefangen haben. In ihrem kurzen Lebenslauf liest man von Erziehungsexperimenten, dem Ringen um Ideen und der Invasion neuer Technologien. Sie wissen mehr über X-Men als über Elpidio Valdés und können sich an Fidel Castro nur in Form von alten Bildern und längst archivierten Dokumentation erinnern.

Sie sind die Generation des Wi-Fi und der gehackten Netze, aufgewachsen mit den audiovisuellen Medien und der illegalen Satellitenschüssel. Manchmal verbringen sie die frühen Morgenstunden online, mit Strategievideospielen, in denen man sich so mächtig und frei fühlt. Wer versucht sie kennenzulernen, sollte wissen, dass sie von der Grundschule an von den sogenannten maestros emergentes, Studenten ohne entsprechende Ausbildung die als Lehrer eingesetzt werden, unterrichtet wurden und dass sie den Grammatik-, Mathematik- und Ideologieunterricht über einen Fernsehbildschirm erhalten haben. Trotzdem sind sie nicht zu ideologietreuen Kubanern herangewachsen, sondern zu weltoffenen Bürgern mit einer größeren Zukunftsversion.

Als sie in die secundaria básica* kamen, spielten sie mit dem Brot des ihnen vorgesetzten Essens, und warfen es durch die Gegend, während ihre Eltern ihnen heimlich das Pausenbrot durch den Schulzaun reichten. Sie haben eine besondere Eigenschaft entwickelt, eine Anpassung, die ihnen hilft in ihrer Umgebung zu „überleben“: Sie hören nichts, was sie nicht interessiert. Sie stellen sich bei den Ansprachen in den Morgennachrichten und der Politiker einfach taub. Sie wirken viel gleichgültiger als andere Generationen und sie sind es auch, aber in ihrem Fall ist diese Apathie ein evolutionärer Vorteil. Sie sind besser als wir und sie werden in einem Land leben, das nichts mit dem zu tun hat, das man uns versprochen hatte.

Sie wirken viel gleichgültiger als andere Generationen und sie sind es auch, aber in ihrem Fall ist diese Apathie ein evolutionärer Vorteil.

 Vor ein paar Monaten waren genau diese Heranwachsenden die Protagonisten des größten schulischen Betrugsskandals, der öffentlich bekannt wurde. Wer schließt schon aus, dass es unter denjeniegen, die es an die Universitäten geschafft haben, ein paar dabei waren, die die Antworten einer Aufnahmeprüfung gekauft haben. Sie sind daran gewöhnt für das Bestehen der Prüfungen zu bezahlen, denn sie müssten sich an „Nachhilfelehrer“ wenden, damit diese ihnen beibringen was sie eigentlich in der Schule hätten lernen sollen. Viele von den frisch eingschriebenen Studenten hatten seit der Grundschule privaten Nachhilfeunterricht. Sie sind die Kinder einer neu entstandenen Klasse, die ihre finanziellen Mittel ausschöpft, damit ihre Kinder – koste es was es wolle – einen Platz an der Universität erhalten.

Diese Jugendlichen trugen in der Schule zwar ihre Uniformen, aber sie kämpfen darum sich von der grauen Masse abzuheben, sei es durch die Länge eines Hemds, einen bunt gefärbten Pony oder durch eine Hose, die weit unter der Hüfte sitzt. Sie sind die Kinder  von Eltern, die in den 90er Jahren kaum einen Satz Unterwäsche besaßen und die, damit ihre Söhne und Töchter nicht dasselbe durchmachen müssen, auf den Schwarzmarkt zurückgreifen, um sie einkleiden zu können . Sie lachen über die falsche Nüchternheit und wollen nicht aussehen wie Rekruten. Stattdessen lieben sie intensive Farben, den Glanz und die Markenlabel.

Gestern, zu Beginn des neuen Studienjahres, erhielten sie einen Vortag über den Versuch des „Imperialismus, die Revolution mithilfe der Jugend zu untergraben“. Es war wie ein schwacher Regen, der an einer wasserfesten Oberfläche einfach abtropft. Die Regierung hat also einen guten Grund sich Sorgen zu machen, denn diese neuen Studenten werden weder gute Soldaten noch treue Anhänger sein. Der Ton aus dem sie gemacht sind ist nicht verformbar!

Anm. d. Übersetzerin:

* Die secundaria básica ist die Sekundarstufe und umschließt die Klassenstufen sieben bis neun.

Übersetzung: Anja Seelmann

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