Plastiktüten oder auch die Rente vieler

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Plastiktüten-Verkäuferin vor dem Markt in Havanna. (Luz Escobar)

„Ich brauche eine dunkle Brille.”, sagte mir Verónica eines Tages, als ich sie auf der Straße traf. Mit fast 70 Jahren musste sie sich vor ein paar Monaten wegen ihres Grauen Stars einer Operation unterziehen und sollte nun ihre „Augen schonen“, erklärte sie mir. Sie arbeitet in der Sonne, denn sie verkauft Plastiktüten, sogenannte Jabitas, an die Kunden des Frucht- und Gemüsemarktes in der Tulipanstraße. Das grelle Tageslicht um die Mittagszeit hat ihrem Sehvermögen geschadet; aber das ist nicht ihr größtes Problem. „Wir haben eine Art Warnsystem, um zu wissen wann die Polizei in der Nähe ist, manchmal überrascht sie uns aber dennoch in zivil.“ Vergangenen Monat zahlte sie eine Strafe von 1500 Pesos wegen unerlaubten Verkaufs, und diese Woche erhielt sie eine weitere Verwarnung.

Liest man Texte, wie den von Randy Alonso, über das Fehlen der Plastiktüten in den Geschäften, die den Peso Convertible* als Zahlungsmittel annehmen, so könnte man fast glauben, dass diese Ressourcen abgezweigt werden und dann in den Händen skrupelloser Händler landen. Allerdings genügt es schon, Veronica kennenzulernen, um zu begreifen, dass ihr Handel mehr dem Elend entspringt, als dem Profit. Nachdem sie 40 Jahre lang als Putzhilfe in einer Schule gearbeitet hatte, bekommt sie jetzt eine Rente von weniger als 10 Dollar im Monat. Ohne den Weiterverkauf der Jabitas müsste sie betteln gehen, aber sie versichert, dass „sie lieber sterben würde als in den Straßen um Geld zu betteln.“ Sie ist keine Schuldige, sondern ein Opfer der Lebensumstände, die sie in illegale Aktivitäten getrieben haben um zu überleben.

Die Waren in den Händen tragen zu müssen, weil es keine Tüten gibt, stört jeden Käufer. Aber es irritiert noch mehr, feststellen zu müssen, dass eine der großen Stimmen unseres aktuellen Systems die menschlichen Dramen verkennt, die dazu führen, dass Plastiktüten nach der Produktion auf einmal verschwinden. Es handelt sich nicht um gewissenlose Leute, die sich durch Unterschlagung am Staat bereichern, sondern um Bürger, deren finanzielle Armut sie dazu bringt, alles zu verkaufen, was ihnen in die Hände fällt. Verónica befindet sich gerade vor irgendeinem Geschäft, mit der alten, dunklen Brille, die man ihr schenkte, und flüstert: „Ich habe Plastiktüten, ich habe Plastiktüten, eine für 1 Peso“.

Übersetzung: Nina Beyerlein