„Casting“ für einen Arbeitsplatz

Mit dreißig Jahren verlor Eugenia ihren Arbeitsplatz in einem Büro des Transportministeriums. Sie bliebe „einsetzbar“, erklärten ihr ihre Chefs, ehe sie ihr einen Job als Maurer anboten. Da sie keine Lust darauf hatte, einen Ziegelstein auf den anderen zu setzen und Mörtel anzurühren, versuchte sie auf dem privaten Arbeitsmarkt etwas zu finden. Ihre Chancen sind gering. Sie spricht keine Fremdsprachen, hatte noch nie einen Computer unter den Fingern, und das „sie sieht gut aus “ der Jugend hat sie auch nicht.

Eine Freundin schrieb sie für ihre Arbeitssuche auf einer Webseite ein. „Leute mit Zahnersatz akzeptieren wie hier nicht!“, sagte man ihr bei einem Vorstellungsgespräch, als sie sich um eine Stelle als „Raumpflegerin“ in einem Haus bewarb, das an Ausländer vermietet. Die Besitzerin wollte „eine ehrliche Frau, die nur wenig spricht, nicht raucht und kräftig aussieht“. Sie stellte eine andere ein, und Eugenia beschloss in ihr Aussehen zu investieren.

Dazu färbte sie sich die Haare, kaufte sich ein Paar neuer Schuhe und machte einen Streifzug durch mehrere Cafés und Restaurants im Zentrum von Havanna. Mit mehr als fünfzig Jahren sagten sie ihr an allen Orten das Gleiche: „Wir haben schon Küchenpersonal und für den Service haben wir für dich keine Verwendung“. Und Eugenia bemerkte, dass es hinter den Tresen angesagter Lokale (die auf eigene Rechnung arbeiten) und als Bedienung an Tischen fast immer nur junge, schlanke Frauen gibt, mit einer bemerkenswerten Oberweite.

„Es stimmt doch, dass Sie aus Havanna sind?“, fragte man sie dort, wo man Personal zum Waschen und Bügeln einstellte. Eugenia wurde in Holguín geboren und verbrachte fast ihr ganzes Leben in der kubanischen Hauptstadt, aber dem Besitzer der Wäscherei reichte das nicht. „Wir wollen Leute aus Havanna, damit wir später keine Probleme mit Verwandten bekommen, die sich hier im Haus breit machen wollen.“

Eine Nachbarin wies sie auf die Möglichkeit hin, einen alten Menschen zu betreuen. Es handelte sich um einen Veteranen des Militärs, der kaum noch vom Rollstuhl aufstehen konnte. „Bei ihm darf man nichts Schlechtes über die Revolution sagen“, warnten sie die Söhne des Alten, den man füttern, die Kleidung wechseln und die Granma vorlesen musste. Schlussendlich bekam Eugenia auch diesen Job nicht.

Für ein paar Tage gelang es ihr sich um ein Kind zu kümmern, aber es war nur für eine Woche, denn „wenn du nicht singen kannst und keine Kinderspiele kennst, dann langweilt sich mein Sohn“, sagte ihr die Mutter des Kleinen. Bei ihrem früheren Arbeitgeber wusste Eugenia nur, wie man Formblätter ausfüllt, amtliche Stempel darunter setzt; und bei den langen Betriebsversammlungen den Kopf zustimmend bewegt. Dem aktuellen Arbeitsmarkt ist sie nicht mehr gewachsen.

Gestern teilten sie ihr mit, dass es einen Spülplatz in einem privaten Restaurant, in einem sogenannten „Paladar“, gäbe. „Während der Arbeitszeit darfst du die Küche nicht verlassen“, erklärte ihr der Koch. „Es ist besser, wenn dich unsere Gäste nicht zu Gesicht bekommen“, fügte er noch hinzu, ehe er sagte, es wäre „auf Probe“.

Übersetzung: Dieter Schubert