Bullying auf Kuba?

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Von Gewalt an Schulen sind tausende kubansiche Schüler betroffen. (14ymedio)

Damaris ist fast 40 Jahre alt und hat einige Narben im Gesicht. Eine Klassenkameradin hatte ihr in der fünften Klasse mit einer Haarnadel das Gesicht zerkratzt. Im Unterricht gab es Streit um einen Bleistift und das Mädchen drohte: „Wir sehen uns um halb vier!“  Diese Drohung, ist wohl das schlimmste, was man einem Schüler an einer kubanischen Grundschule passieren kann. Denn mit nur einem Satz wird klar, dass man sich bei Schulschluss mit Fäusten und Füßen als der Stärkere beweisen wird müssen.

Für Yosniel kam es noch schlimmer. Während seines Abschlussjahres stürzte er sich von einem Wassertank des Volksrepublik-Rumänien-Gymnasiums, nachdem er monatelang den Spott seiner Mitbewohner im Wohnheim wegen der Größe seines Kopfes ertragen hatte. Er schlug auf der Betonabdeckung der Zisterne auf, für ihn kam jede Art der Wiederbelebung zu spät. Auf der Beerdigung im Armenviertel Romerillo vor einigen Tagen bekundeten jene Mitschüler, die ihn bis vor Kurzem verspottet hatten, der Familie ihr Beileid.

Doch dieses Problem betrifft nicht nur ärmere, sondern auch wohlhabende Familien. Die kalte Klinge eines Messers durchdrang Adrians Herz, ebenfalls Schüler an einem Stipendium geförderten Gymnasium, weil einem stärkeren Mitschüler seine Converse-Schuhe gefielen und dieser beschloss sie ihm wegzunehmen. Die Eltern des Verstorbenen gehören dem Militär an, und nichtsdestotrotz waren sie nicht in der Lage zu verstehen, dass an den Schulen, in denen der „neue Mensch“ erschaffen werden sollte, eine Gewaltbereitschaft herrscht, wie man sie in einem Gefängnis erwarten würde.

Cecilia wiederum gehörte schon immer zu denen, die austeilen…und nicht einstecken. Sie bestimmt welchen Rock sie tragen wird, und wühlt in den Spinden der kleineren und schwächeren Schülerinnen. Eines Tages fand sie in einem dünnen Mädchen mit Zahnlücke das perfekte Opfer und schlitzte ihr mit einer von einer Laubsäge stammenden Klinge das Gesicht von einem Ohr zum andern auf.

Gewalt in den Schulen, auch  Bullying oder Mobbing genannt, ist ein Thema, das in den kubanischen Medien kaum zur Sprache kommt, das jedoch hunderte und tausende Schüler landesweit betrifft. Alarmierend ist vor allem die Mittäterschaft oder Gleichgültigkeit der Lehrer. Oft benutzen Lehrer diese „starken Jungen und Mädchen“ um den Rest der Klasse unter Kontrolle zu halten. Das Ergebnis: die institutionalisierte Anerkennung eines Systems, das auf Protzerei und Missbrauch aufbaut.

Doch wie kann man das Ganze anprangern? Niemand kennt die Antwort. Es gibt keine Notfallzentrale, an die ein Mobbingopfer sich wenden könnte,  keinen Rundbrief des Kultusministeriums, der in solchen Fällen die Opfer schützen könnte. Wenn die Kinder ihren Eltern von den Missbräuchen erzählen, regieren diese meist mit einem „du musst härter zurückschlagen“ oder „zeig ihnen was in dir steckt“. Die Lehrer wollen nicht dazwischen gehen und die meisten Schulleiter gehen in die Defensive: „Wissen Sie, wir wissen schon gar nicht mehr was wir mit diesem Jungen anstellen sollen.“

Die Wahrheit ist jedoch, dass über Mobbing an Schulen weder gesprochen, noch diskutiert wird… während Mädchen wie Cecilia weiterhin den kleineren Mädchen ihre Uniformen klauen, Klassenkameradinnen das Gesicht mit Haarklammern entstellen oder sich über den großen Kopf eines Mitschülers – bis zum Selbstmord – lustig machen.

 Übersetzung: Katrin Vallet

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