Ein unglaublicher Vater

Ricardo hat seine zwei Töchter alleine großgezogen. Eines Morgens im August wachte er auf und seine Frau war weg. Später erfuhr er, dass man sie auf hoher See abgefangen hatte und dass sie mehrere Monate auf dem Stützpunkt der US-Navy in der Guantánamo-Bucht verbrachte, bevor sie es schließlich in die Vereinigten Staaten schaffte. Seine jüngere Tochter schlief zu dieser Zeit noch in einer Wiege, die Ältere lernte gerade ihre ersten Buchstaben.

Es waren harte Zeiten für ihn. Er hatte mit den Angriffen seiner Schwiegermutter zu kämpfen, die es nicht akzeptieren wollte, dass er das Sorgerecht hatte und immer wenn sie ihn sah schrie sie aufgebracht: „Diese Mädchen brauchen eine Mutter!“. In seinem Dorf hatte er es auch nicht leichter. Ein Mann, der von seiner Frau verlassen wurde, fällt in Havanna nicht weiter auf, auf dem Land aber wird er zum Gespött der gesamten Nachbarschaft.

Er musste mit allem alleine fertig werden. Es musste seinen Töchtern erklären was das Einsetzen der Regel zu bedeuten hat und wie wichtig es ist, ein Kondom zu benutzen. Er stand lange vor Apotheken Schlange, um ihnen Binden zu kaufen und verkaufte einige seiner Sachen, um jeden Monat etwas mehr Baumwolle besorgen zu können. Er lernte Unterröcke zu bügeln, Strumpfhosen zu nähen und Nissen aus den Haaren zu entfernen. Am Anfang flocht er die Zöpfe noch sehr locker und die Schleifen gingen bereits nach wenigen Minuten wieder auf, aber inzwischen ist er zu einem richtigen Experten geworden.

Er hat keinen einzigen Morgen mehr verschlafen. Eines seiner Mädchen muss immer früh aufstehen und er bereitet ihr dann das Frühstück zu und weckt sie auf. Er hebt für die beiden seinen Teil des Brotes der monatlichen Ration auf, damit sie ein bisschen mehr essen können. Ihr „Papi“ bereite die besten Bohnen des ganzen Landes zu, sagt die eine, und die andere bittet ihn immernoch alles zu durchzulesen was sie schreibt.

Er spricht nie schlecht über ihre Mutter. Er bewahrt für sie lieber das Bild einer Frau mit traurigem Blick, die irgendwo in Kalifornien sitzt und sich nichts sehnlicher wünscht als ihre Töchter wiederzusehen. Aber seit mehr als 10 Jahren kommen keine Briefe mehr an und das letzte Mal schien ihr ihre Arbeitssuche wichtiger zu sein als ihre beiden Töchter, die sie in Kuba zurückgelassen hat.

Ricardo hätte sich auch einfach abwenden können wie so viele andere auch. In der kubanischen Gesellschaft würde man ihn nicht dafür verurteilen, wenn er seine Töchter zur Großmutter abgeschoben hätte. Die Volksweisheit „padre es cualquiera“ („Der Vater ist irgendwer“), würde dieses Handeln sogar noch rechtfertigen. Sein Fall ist trotzdem keine Seltenheit. Seine Geschichte geht einfach nur inmitten der vielen Problemen unseres Alltags verloren.

Heute hat er, ohne Lärm zu machen, früh das Haus verlassen, um zum Friseur zu gehen und sich etwas Rum zur Feier des Vatertags zu kaufen. Es ist Sonntag, die Mädchen werden erst später aufstehen und in der Küche hört man schon wie er Bohnen für sie zubereitet.

Übersetzung: Anja Seelmann