Ein Faden weniger im sozialen Gewebe

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In einem Land, in dem so wenige Plattformen für Debatten existieren, stellt der Verlust jeder Einzelnen eine Tragödie dar. Durch das Ausscheiden von Roberto Veiga und Lenier González aus der Zeitschrift Espacio Laical, werden wir bei Diskussionen vermehrt zu „Waisenkindern“. Ihre Arbeit zeichnete sich dadurch aus, dass sie strittige und schwierige Themen in ihrem Blatt anschnitten, das sich in den letzten Jahren zu einem Magazin entwickelt hatte, das man gelesen haben musste. Mit respektvoller Manier, wirklicher Besorgnis um die Nation und der Fähigkeit zu polemisieren, schlugen diese Publizisten eine Bresche zum Nachzudenken, die wir Leser nun fürchten zu verlieren.

Unterschiedliche Ansichten dürfen nicht zu persönlichen Konfrontationen führen. Eine Lektion, die jeder lernen sollte, der ideologische Widersprüche als Vorwand benutzt, um niedere Beweggründe gezielt zu lenken. Deshalb – trotz meiner Differenzen zu vieler ihrer Ansichten, vor allem bezüglich ihrer Kategorie „Legale Opposition“ – brachte ich Veiga und Gonzalez immer Respekt entgegen, und ihrer Arbeit eine große Wertschätzung. Das öffentliche Dasein ihrer Stimmen verbesserte die Qualität der Diskussion auf der Insel, weil sie aus einem anderen Blickwinkel an die Themen herangingen – was immer gut ist – und so politische Tendenzen, die aus gegensätzlichen Richtungen kamen, im Konsens zusammen brachten. Ich bedaure, dass sie sich nie dazu bereit erklärten, an einer der Diskussionsrunden teilzunehmen, die nicht im Rahmen der Regierung abgehalten wurden. Ich hoffe jetzt – da sie von ihren Posten „befreit“ sind – können wir Ideen austauschen, die nicht dem Schutz des Lehrstuhls „Félix Varela“ * unterliegen.

Kuba geht als Verlierer hervor, und ich kann mir nicht vorstellen, wer von dieser Entlassung profitieren könnte. Der nächste Erzbischof von Havanna? Vielleicht die so wankelmütige Kirche? Einmal entrissen sie uns die Zeitschrift Vitral , um aus ihr einen Schatten an Stelle des vielfarbigen Lichts zu machen, das sie einmal war. Jetzt scheint das gleiche mit der Espacio Laical zu passieren. Die Erklärungen des jetzigen Direktors, in denen er versichert, die Arbeit der Zeitung werde fortgesetzt, überzeugen mich nicht. Ich glaube fest an das Siegel, das jedes menschliche Wesen seinem Schaffenswerk aufdrückt, und im Fall dieses Druckwerks sind es ganz klar Veiga und González, die dieses hauptsächlich inspiriert haben.

Aus dem ausgefransten Gewebe unserer bürgerlichen Gesellschaft haben sie gerade einen weiteren Faden gezogen.

 

*Anmerkung der Übersetzerin:

Félix Varela (1788 – 1853) war ein kubanischer Priester, Philosoph und Sozialreformer; er gilt als einer der Väter der kubanischen Nation. Seit 2006 trägt der Lehrstuhl für Wissenschaftskultur an der Universität von La Habana seinen Namen.

Übersetzung: Nina Beyerlein