Miguels “Drone“

Niemand weiß, wie er sie überhaupt einführen konnte bei all den Zollbeschränkungen und der paranoiden Regierung, aber Miguel hat eine Drone. Sie ist winzig klein, sieht aus wie ein Kinderspielzeug und ist mit einer Kamera ausgestattet. In seiner Freizeit erkundet der 40-jährige Mann aus Havanna mit seinem neuen Spielzeug die nahegelegenen Innenhöfe und Dachterrassen in der Nachbarschaft. Da sie so winzig ist, fällt sie kaum auf, wenn sie über dem Viertel ihre Runden dreht und dabei Bilder und Videos an einen Bildschirm im Haus des stolzen Besitzers weiterleitet.

Jetzt ist alles noch Spaß, aber falls Miguels Freizeitbeschäftigung eines Tages entdeckt werden sollte, kommt er vielleicht sogar als mutmaßlicher „CIA-Agent“ ins nationale Fernsehen. Man weiß ja nie. In den 70er Jahren wurde sein Onkel auf der Straße festgenommen, weil er ein Tonbandgerät bei sich hatte. Dieses gehörte einer regierungsnahen Zeitung, bei der dieser arbeitete. Er musste einige Stunden auf dem Polizeirevier verbringen, bis der Herausgeber der Zeitung sich persönlich für ihn einsetzte. Die Zeit verging wie im Flug und jetzt gibt es andere von der Regierung gefürchtete Gegenstände, aber die Strafmaßnahmen sind immer noch die gleichen.

Von der vermeintlichen Bestrafung mal abgesehen, hat Miguel bereits einige wertvolle Informationen ans Licht gebracht. Er hat das Schwimmbecken, das sich hinter dem hohen Zaun seines Nachbarn – einem Oberst – versteckt, gesehen, die Satellitenschüssel, die ein ehemaliger Minister auf seiner Dachterrasse stehen hat und das Fleisch, das aus dem Fressnapf des Rottweilers quillt, der dem Maler, der in dem Haus an der Ecke wohnt, gehört. Außerdem hat er mit der Nachtsichtkamera seines Spielzeugs den Mann beobachtet, der immer in den frühen Morgenstunden in der Mülltonne wühlt und dann mit seinen „Schätzen“ unter dem Arm wieder von dannen zieht. Er sah auch, wie ein Wächter die Container des Lagers öffnete, um zu stehlen, ohne Spuren am Sicherheitssiegel zu hinterlassen. Eines Nachts ertappte er sogar den Vorsitzenden des Komitees zur Verteidigung der Revolution (CDR)* dabei, wie er mit dem Alkohol aus einem nahegelegenen Krankenhaus handelt.

Miguel beobachtet Kuba aus der Luft, durch die Augen seiner Drone und was er sieht, ist ein Land, das in Stücke zerteilt ist, die einfach nicht zusammenpassen wollen.

 

Anmerkung der Übersetzerin:

CDR bezeichnet die Komitees zur Verteidigung der Revolution (spanisch: Comités de Defensa de la Revolución). Diese sind in Kuba auf lokaler Ebene flächendeckend existierende und agierende Nachbarschaftsorganisationen, die der Staatsregierung unterstehen. Sie sind Auge und Ohr der Partei und dienen als engmaschiges Informations- und Sicherheitsnetz und gleichzeitig dazu, soziale Aufgaben des Staates wie die Nahrungsmittelverteilung in den Wohngebieten zu gewährleisten. Die CDR wurden seit dem 28. September 1960 im Rahmen der gegen die Regierung gerichteten Sabotage- und Terrorakte zur Verteidigung der Revolution aufgebaut.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

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