Alfredo Guevara in eigenen Worten

Ein kürzlich in der Zeitschrift Letras Libres veröffentlichtes Interview gibt Einblick in Alfredo Guevaras Gemütsverfassung einige Monate vor seinem Tod. Diese von Regisseur Arturo Sotto in die Wege geleitete Begegnung zeigt uns einen Mann, dem bewusst war, dass er am Ende seines Weges angelangt war. Seine Worte sind der Versuch seiner Existenz einen Sinn zu geben, einige Gräueltaten zu rechtfertigen und gewisse Errungenschaften hervorzutun.

Mit scharfer Zunge, aber dennoch achtsam, wagt Guevara sich an Themen aus der Vergangenheit, wie die Uneinigkeiten in der Bewegung des 26.Juli* und die Auseinandersetzungen mit den Streitkräften der Sozialistischen Volkspartei. Anekdote um Anekdote enthüllt er – vielleicht auch unbeabsichtigt – Details einer Macht, die sich inmitten von Betrug und Rivalität gefestigt hat. Die Geschichte von Celia Sánchez, die mit Fidel Castro in einem Haus im Viertel Vedado lebte und Guevara, bat die Kommunisten mit Tritten aus dem Kubanischen Institut für Filmkunst und Filmindustrie (ICAIC) zu befördern, rutscht ihm einfach so mit heraus.

Beim Lesen dieses Interview erinnerte ich mich sofort an einen Sonntagmorgen im Jahr 2013, als ich einen Anruf erhielt und man mich über eine Durchsuchung im Hause des kürzlich verstorbenen Alfredo Guevara informierte. Am frühen Morgen waren einige Polizeifahrzeuge und ein Kleinbus der politischen Polizei (DTI) dort aufgrund einer angeblichen Anzeige wegen Kunsthandels eingetroffen. Im Haus befanden sich nur seine Frau, die gerade mit dem Haushalt beschäftigt war und ein älterer entfernter Verwandter Guevaras.

Einige Minuten nach Erhalt der Nachricht machten wir uns auf, um nachzusehen was dort vor sich ging. Als sich die Tore der Villa einen Spalt öffneten, konnten wir einen Blick auf einige stämmige Männer, manche davon in Uniform, und eine Frau, die vor Angst kaum ein Wort hervorbrachte, erhaschen. Mit dem altbewährten Trick so zu tun als wir wären auf der Suche nach einem „Maurer“, klingelten wir und konnten uns davon überzeugen, dass dort drinnen etwas Schlimmes vor sich ging. Die Nachricht sprach sich schnell rum und der Fall wurde in den Medien als Unterschlagung nationalen Kunsterbes dargestellt. Nichtsdestotrotz nahmen nur wenige diese Geschichte für bare Münze.

Von Zeugen der polizeilichen Durchsuchung erfuhren wir, dass die Beamten ganz erpicht darauf waren, Dokumente zu finden. Mit groβer Sorgfalt erkundeten sie Deckenzwischenräume, wühlten unter Matratzen und durchsuchten Schubläden und Ordner voller Dokumente. Waren sie auf der Suche nach einem Dokument oder Schriftstück, das Alfredo Guevara aufbewahrte? Diese Frage stellte ich mir seit jenem Tage tausendfach und das Interview in der mexikanischen Zeitschrift Letras Libres bestärkte einige meiner Zweifel.

Es handelt sich um einen Mann, der sich nach Anerkennung sehnte und im Besitz wichtiger Informationen ist. Ein in die Jahre gekommener Herr, der in der Lage ist zu erkennen, dass der Verlauf der Geschichte umgeschrieben wurde, um sie in einem heldenhafteren Licht erscheinen zu lassen. Zur Biographie Fidel Castros Guerrillero del tiempo sagt er: “Ich denke, Fidel Castro hat seine eigene Version und ich meine, ohne das dies einen Widerspruch darstellen muss. Ich will vorsichtig sein, ich habe Angst…”. Solch ein Mann verfügt mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit über Informationen zum wahren Verlauf der Geschichte, die er zum Teil in dem hervorragenden Interview für Letras Libres preisgibt.

Der bedeutendste Beweis, den Alfredo Guevara uns hinterlässt, ist jedoch kein Foto, es ist auch kein handschriftlich unterschriebenes Blatt Papier oder ein offizielles Dokument, das man in irgendeinem düsteren Archiv entdeckt hat. Der eigentliche Beweis ist die Enttäuschung, die in seinen Worten mitschwingt, die Verbitterung, die sich aus seiner letzten Bilanz heraushören lässt und die letztendliche Einsicht, dass er wohl niemals mit Sicherheit wissen wird, ob er als schuldig oder unschuldig in die Geschichte eingehen wird.

*Anmerkung der Übersetzerin:

Movimiento 26 de Julio (M-26-7) ist der Name der von Fidel Castro geführten Bewegung während der kubanischen Revolution.

Übersetzung: Katrin Vallet