Gewalt und öffentlicher Diskurs

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Plakat zum 6. Jubiläum des Magazins Conviviencia

An der Ecke verpasst eine Frau einem Kind, das ihr Sohn zu sein scheint, eine Tracht Prügel. Die vorbeigehenden Fußgänger mischen sich nicht ein. Hundert Meter weiter vorne kommt es zwischen zwei Männern zu einer Rauferei, weil einer dem anderen auf die Schuhe getreten ist. Noch beim nach Hause gehen denke ich über diese latente Aggressivität nach, die man auf der Straße spürt. Um mich von so viel Gereiztheit zu befreien, lese ich die neuste Ausgabe des Magazins Conviviencia (Zusammenleben), das nunmehr sechs Jahre seit seiner Gründung besteht. Darin stoße ich auf einen Artikel von Miriam Celaya, die zufällig jene „gefährliche Spirale“ aus Schlägen, Schreien und Wut anschneidet, die uns umgibt.

Unter dem Titel “Skizzen zum anthropologischen Ursprung der Gewalt in Kuba”, wühlt sich die bissige Analystin durch die historische und kulturelle Vorgeschichte dieses Phänomens. Unser eigener nationaler Weg – geprägt von“Blut und Feuer“– ist nicht sehr hilfreich, wenn es darum geht, Haltungen wie den Pazifismus, die Eintracht und die Versöhnung zu fördern. Angefangen bei den Gräueln der Sklaverei während der Kolonialbesetzung, über die Unabhängigkeitskriege mit Macheten-Attacken und überheblichen Anführern, bis hin zu den gewalttätigen Vorkommnissen, die auch die Ära der Republik kennzeichneten. Eine lange Liste aus Wut, Schlägen, Waffen und Beleidigungen formten unseren eigentümlichen Charakter und werden meisterhaft von der Journalistin in ihrem Text aufgeführt.

Eine gesonderte Erwähnung widmet sie der im Januar 1959 beginnenden Entwicklung des Klassenhasses, sowie der Unterdrückung von abweichenden Anschauungen; alles fundamentale Pfeiler im politischen Diskurs. Die Mehrheit aller Gedenktage der Regierung bezieht sich von daher noch heute auf Schlachten, kriegerische Auseinandersetzungen und Tod, oder auf „eklatante Niederlagen“, die dem Gegner zugefügt wurden. Der Kult des Zorns geht so weit, dass sich die Amtssprache selbst schon nicht mehr bewusst ist, welchen Groll sie entfacht und überträgt.

Aber Vorsicht! Ist der Hass erst einmal gesät, kann man ihn nicht mehr „fernsteuern“. Schürt man Groll gegen ein anderes Land, endet das damit, dass die Abneigung gegen den Nachbarn, dessen Wand an unser Haus grenzt, ebenso zunimmt. Wer wie wir in einer Gesellschaft aufgewachsen ist, in der Repressionshandlungen als „legitime Verteidigung des revolutionären Volks“ gerechtfertigt werden, mag denken, Schlagen und Schreien wären Umgangsformen, auf die man zurückgreift, um sich mit Dingen auseinander zu setzen, die man nicht versteht. In diesem Umfeld von Gewalt setzen wir Harmonie mit Nachgiebigkeit gleich, und ein friedliches Zusammenleben mit einer Falle, in die uns „der Feind“ tappen lassen möchte.

Übersetzung: Nina Beyerlein