Der Dialog in Venezuela – aus kubanischer Sicht

diálogoentregobiernoyoposición10AFoto: http://runrun.es/economia/112438/la-mud-le-lavo-la-cara.html

Die Gespräche zwischen der venezolanischen Opposition und Nicolás Maduro sind in vollem Gange. Die Kritiker sind zahlreich, der Verlierer steht bereits fest: die kubanische Regierung. Für ein System, das länger als ein halbes Jahrhundert seine Dissidenten disqualifiziert und unterdrückt hat, muss dieser runde Tisch eine schmerzhafte Einsicht in die eigene Unfähigkeit bedeuten.

Wir, die verblüfften kubanischen Fernsehzuschauer, konnten am vergangenen Freitag eine Debatte zwischen einem Teil der oppositionellen Kräfte in Venezuela und Vertretern der Regierung verfolgen. Das kontroverse Treffen wurde vom Kanal TeleSur übertragen; ein Kanal, der für seine Tendenz bekannt ist, mit seiner Art der Berichterstattung den Chavismus zu unterstützen. Dennoch, bei diesem Anlass fühlte sich TeleSur verpflichtet, auch die Befürchtungen und Argumente der Gegenpartei live zu übertragen.

Die Bedingung, dass Kameras und Mikrofone bei dem Gespräch zugelassen sein müssten, hat sich als genialer politischer Schachzug von Maduros Gegnern erwiesen. Auf diese Weise bezog man die Zuschauer in das Gespräch mit ein; und es erwies sich als sehr schwierig, im Nachhinein eine verfälschte Darstellung zu verbreiten. Die Teilnehmer der beiden politischen Lager rechneten mit einem 10-minütigen Exposé pro Partei; eine Zusammenfassung, die der venezolanische Präsident natürlich nicht schaffen konnte.

Was den ständig falsch informierten Kubanern als erstes auffiel, war das hohe Niveau mit dem die Opposition am runden Tisch argumentierte. Zahlen, Statistiken und konkrete Beispiele wurden in einem respektvollen Rahmen vorgelegt. Am folgenden Tag hörte man in den Straßen von Havanna den populären Satz: „Sie haben den Fußboden mit Maduro gefegt“; es war der meist wiederholte Kommentar dazu. Eine deutliche Anspielung auf die erdrückende Kritik, mit der ihn seine Gegenspieler konfrontierten. Trotzdem, die Unterstützer der Regierung zeigten sich verzagt und ängstlich, aber sie antworteten mit Statements, die vor Slogans nur so wimmelten.

Bei jenen, die ihre politischen Gegner noch kurz vorher als “Faschisten“ oder “Feinde des Vaterlandes“ beschimpften, hat dieser Runde Tisch zweifelsohne einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Schon wird Venezuela nicht mehr dasselbe sein, obwohl die Verhandlungen morgen ohne greifbare Vereinbarungen zu Ende gehen, und Nicolás Maduro dann wieder ein Mikrofon ergreifen wird, um Beleidigungen nach rechts und links zu verteilen. Er hat eingewilligt, sich einer Diskussion zu stellen; und das markiert den Unterschied zwischen dem Weg, den die kubanische Regierung zurückgelegt hat und diesem anderen, der für die venezolanische Regierung gerade beginnt.

Und in Kuba? Ist hier so etwas möglich?

Während der Übertragung der Gesprächsrunde aus Venezuela fragten sich viele von uns, ob sich etwas Ähnliches auf unserer politischen Bühne ereignen könnte. Obgleich die offizielle Presse den Dialog als ein Zeichen der Stärke des Chavismus ansieht, hat sie auch hinreichend Abstand bewahrt; sodass wir uns hinsichtlich einer möglichen kubanischen Version keine Illusionen machen sollten.

Es wäre weniger wunderlich anzunehmen, dass Raúl Castro ein Flugzeug besteigt und aus dem Land verschwindet, als sich ihn in Gedanken an einem Tisch zusammen mit jenen vorzustellen, die er als “Konterrevolutionäre“ bezeichnet. Im Verlauf von mehr als fünf Jahrzehnten haben er, wie auch sein Bruder, sich der Verteufelung von Dissidenten gewidmet, von daher sehen sie sich jetzt daran gehindert, ein Gespräch mit ihren Kritikern zu akzeptieren. Die Gefahr, die die Unfähigkeit zu verhandeln mit sich bringt, lässt eigentlich nur den Weg für einen Umsturz offen – mit Chaos und Gewalt als Folge.

Trotzdem, nicht nur die Führungsebene des kubanischen Regimes zeigt sich widerspenstig in Hinsicht auf jede Art von Verhandlungen. Auch der größte der Teil der Opposition der Insel will nichts von diesem Thema hören, noch darüber sprechen. Im Hinblick auf diese zweifache Ablehnung wird der Zeitplan für ein eher trügerisches Treffen keine Gestalt annehmen. Den Oppositionsparteien gelingt es nicht, sich auf ein Projekt für das Land zu einigen; eines, das sich konsequent in Verhandlungen als eine praktikable Alternative durchsetzen ließe. Wir, die Bürger einer entstehenden Zivilgesellschaft, haben Gründe, uns dadurch verunsichert zu fühlen. Die Politiker, die heute in der Illegalität operieren… sind sie bereit, diese Debatte zu unterstützen? Und sind sie fähig, die Zuhörer zu überzeugen? Werden sie uns würdig vertreten, wenn der Augenblick gekommen ist?

Die Antwort auf diese Frage wird man erst dann kennen, wenn die Gelegenheit gekommen ist. Bis jetzt haben sich die kubanischen Dissidenten eher auf einen Sturz des Systems konzentriert, als darauf, Strategien für einen Neuanfang zu erarbeiten; den größten Teil ihrer Energie haben sie auf den Widerstand gegen die Regierungspartei verwendet und nicht zur Überzeugung von möglichen regierungsfreundlichen Anhängern in der Bevölkerung. Angesichts ihrer begrenzten Möglichkeiten Programme zu verbreiten und so vieler materieller Einschränkungen, ist es diesen Gruppen nicht gelungen, ihre Botschaft einer hinreichend großen Zahl von Kubanern näher zu bringen. Es ist nicht ihre alleinige Verantwortung, aber sie müssen sich im Klaren sein, dass solche Mängel sie behindern.

Wenn schon morgen ein runder Tisch für Gespräche zur Verfügung stünde, wäre es dennoch wenig wahrscheinlich, dass wir von unserer Opposition so gut formulierte Reden hören würden, wie sie ihre Kollegen in Venezuela vortrugen. Dennoch, wenn sich Verhandlungen heute noch nicht als Möglichkeit abzeichnen, so sollte dies niemanden davon abhalten, sich darauf vorzubereiten. Kuba benötigt vor diesen möglichen Mikrofonen jene Wortführer, die die Interessen der Nation, ihre Sorgen und Träume, am besten vertreten. Sie könnten für uns Bürger sprechen, aber sie mögen dies bitte in Zusammenarbeit tun, ohne verbale Gewalt und mit Argumenten, die uns überzeugen.

 Übersetzung: Dieter Schubert