Ein Tag ohne “Cuentapropistas“*

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El sueño de la razón produce monstruos (Wenn die Vernunft schläft, wachen Monster auf) Francisco de Goya

Der Tag begann wie ein Albtraum. Der kleine Pott Kaffee am Morgen fiel aus, weil der Verkäufer mit seiner Thermoskanne und den Pappbechern nicht an der Ecke stand. Deshalb schlurfte sie zur Omnibushaltestelle, wobei sie aufpasste, ob nicht vielleicht ein Sammeltaxi vorbei kommen würde. Nichts. Weder ein alter Chevrolet kam die Avenida herunter, noch ließ sich irgendwo ein praktischer amerikanischer Oldtimer-Kombi sehen, der bis zu zwölf Fahrgäste mitnehmen kann. Nach einer Stunde Warten gelang es ihr in einen Bus einzusteigen; leicht gereizt, weil sie keine Tüte mit Erdnüssen hatte, um damit den „Wolf“ zu besänftigen, der in ihrem Magen heulte.

In der Arbeit gab es an diesem Tag wenig zu tun. Die Direktorin schaffte es nicht zu kommen, weil die Frau, die sonst ihre Tochter betreut, nicht erschienen war. Wieder anderes passierte dem Geschäftsführer, dem ein Reifen seines Lada geplatzt war; und zu allem Unglück hatte der Typ des Viertels, der Reifen repariert, geschlossen. In der Mittagspause wogen die Tabletts fast nicht, leer wie sie waren. Der Straßenhändler war nicht mit seinem Karren vorbeigekommen, wo er Gemüse -und Fleischgerichte verkauft, um damit das Mittagessen aufzustocken. Der Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit bekam einen Nervenzusammenbruch, weil er nicht die Fotos ausdrucken konnte, die er für ein Visum brauchte. An der Tür des nahen Fotoladens hing ein Schild „Wir öffnen heute nicht“; damit waren seine Reisepläne gescheitert.

Sie beschloss zu Fuß nach Haus zu gehen, um sich das Warten zu ersparen. Ihr Sohn fragte sie, ob es etwas Essbares gäbe; aber der Brotlieferant, der immer so durchdringend ruft, war nicht gekommen. Auch die Idee “Pizza – Kiosk“ funktionierte nicht, und bei einem Abstecher zum Bauernmarkt fand sie nur leere Stände vor. Sie kochte sich das Wenige das sie fand, und für den Abwasch verwendete sie einen Fetzen aus einem alten Hemd, weil Spülpads Mangelware sind. Zu allem Überdruss lief auch der Ventilator nicht an, und der Techniker für Haushaltsgeräte ließ sich nicht in seiner Werkstatt blicken.

Sie ging zu Bett, unbehaglich und schweißnass, und hoffte, dass beim Aufwachen alle die Leute, die ihr das Leben erleichtern, wieder da wären: die “Cuentapropistas“*, denn ohne die sind ihre Tage eine Folge von Entbehrungen und Verdruss.

Anm. d. Übers.: *“Cuentapropistas“ sind selbständige Kleinunternehmer auf Kuba, die auf eigene Rechnung – “cuenta propia” – wirtschaften dürfen

Übersetzung: Dieter Schubert