Und du mein Sohn, tu dich bloß nicht hervor!

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Foto: Silvia Corbelle 

Während du deinen Schulranzen packtest, lag dir deine Mutter mit ihrer alten Leier in den Ohren. „Halt dich mal lieber aus allem raus, denn danach wird man nur immer in alles Mögliche hineingezogen“, ertönte es aus der Küche. Und so machtest du dich auf deinen morgendlichen Schulweg, in dich gekehrt, um bloß nicht aufzufallen. Das Läuten der Schulglocke rief zum Eintritt ins Klassenzimmer auf, wo die Geschichtslehrerin mit ihrer ketzerischen Version der Vergangenheit schon auf euch wartete. Du wusstest, dass nichts so war wie sie es schilderte, weil du in den Büchern deines Großvaters andere Versionen gelesen hattest, aber du schwiegst… um nicht in Schwierigkeiten zu geraten.

Du kamst in den Stimmbruch und schon fandst du dich als Soldat im obligatorischen Militärdienst wieder. Du hast im Laufe der Jahre eine Überlebensstrategie entwickelt und wenn nun der Offizier brüllend zu mehr Aufopferung aufrief, riefst du dir wiederholt ins Gedächtnis, dich besser nicht bemerkbar zu machen. Unbemerkt durchkommen, sich nicht einbringen, niemals auffallen, so lauteten deine Grundsätze in diesem Alter. Nie hast du eine Idee geäußert, nie auch nur einen Änderungsvorschlag, das Einzige, was deine Vorgesetzten aus dir hervorbrachten, war ein „zu Befehl!“, das man dir eingebläut hatte. Danach kamst du an die Universität, wo du zum Ziel hattest das Diplom zu erreichen, das Studium abzuschließen, und das ohne in Schwierigkeiten zu geraten.

Deine Kinder werden geboren und von klein auf liest du ihnen aus der ABC-Fibel der Vortäuschung vor. „Tut euch bloß nicht hervor, das bringt nur Ärger“, rätst du ihnen von dem Moment an, in dem sie deine Worte begreifen können. Und so hältst du das Rad der Vortäuschung in Bewegung, gibst jenes an deine Kinder weiter, was einst deine Eltern dir vermittelten.

Doch du bist nicht unversehrt davongekommen. Du hast die anderen nicht mit deiner List hinters Licht geführt. Denn im Grunde genommen hast du dir nur selbst etwas vorgemacht. Vor lauter Zurückhaltung, in dem Versuch so wenig wie möglich auszudrücken, dich, wenn es ging, nicht zu manifestieren, all das hat dich zu dem mittelmäßigen Mann gemacht, der du heute bist, ein vom System gezähmtes Wesen.

 Übersetzung: Katrin Vallet