Cosita

espuma

 

Foto: Silvia Corbelle

Sie verließ Banes an einem heißen und stickigen Morgen. In der Tasche trug sie nur etwas Unterwäsche und die Adresse ihrer Verwandten in Havanna bei sich. Als der Zug am Hauptbahnhof ankam, atmete Cosita tief ein und füllte ihr Lungen mit diesem für die Hauptstadt so typischen Geruch nach stark verbranntem Öl. Ich bin in „la Placa”* sagte sie zu sich selbst und ein Gefühl des Sieges überkam sie. Sechs Monate später würde sie an diesen Ort zurückkehren, mit einer polizeilichen Verwarnung und einer halben Waschmaschine, um sie mit in den Zug zu nehmen…

Cosita machte es sich im Wohnzimmer einer Cousine bequem und begann damit Plasikflaschen und Nylonfetzen aus den umliegenden Müllcontainern zusammenzusuchen. Aus diesen fertigte sie künstliche Blumen, die sie verkaufte, um sich mit Nahrungsmitteln zu versorgen und um ihren Verwandten aus Havanna “etwas” dazugeben zu können. Sie fragte sich durch das Viertel auf der Suche nach Junggesellen, denen sie sich – auch wenn sie schon älter waren – als eine “reinliche Frau”, die alles in einem Aushalt erledigt anbot, aber sie kam zu keiner einzigen Übereinkunft. Sie wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis die Polizei sie auf der Straße anhalten und festellen würde, dass sie eine Illegale war. Eine weitere „Palestina”, wie die Bewohner der Hauptstadt die Leute aus dem Osten des Landes verächtlich zu bezeichnen pflegten.

Sie erwischten sie an einem grauen, regnerischen Nachmittag, an dem sie ihre Blumen außerhalb eines Agrarmarktes verkaufte. Sie verhängten ihr eine Geldbuße wegen einer rechtswidrigen wirtschaftlichen Tätigkeit und teilten ihr mit, dass sie 72 Stunden habe, um die Stadt zu verlassen. Aber Cosita konnte noch nicht gehen. Sie hatte es geschafft, dass man ihr die Hälfte einer Waschmaschine des Modells „Aurika” schenkte und sie hatte noch keine Transportmöglichkeit gefunden, um diese mitnehmen zu können. Außerdem hatte ihr ein Nachbar einen alten Schrank für die Kinder überlassen, der weder Türen noch Schubfächer hatte. All das waren die Besitze, die sie während ihres Abenteuers in Havanna ergattert hatte und sie dachte nicht daran, diese zurückzulassen.

Die Lastwagenfahrer verlangten viel zu viel dafür ihre “Schätze” bis nach Banes zu transportieren. Sie konnte ihre Verzierungen aus Nylon nun nicht mehr länger verkaufen und ihre Verwandten, die sie aufgenommen hatten, fürchteten eine weitere Geldbuße für das Beherbergen einer Illegalen in ihrem Haus. Cosita verließ Havanna in einer kalten Dezembernacht, bei sich trug sie die halbe Waschmaschine und ihre Tasche, die so leer war wie an dem Tag an dem sie angekommen war. Der Schrank blieb in einem Flur zurück und irgendjemand verwendete seine Bretter dafür, um eine undichte Stelle an seinem Fenster zu schließen. Die Kleiderstange wurde dafür hergenommen, den kaputten Stil eines Besens zu ersetzen und die Nägel wurden in einem Stuhl wiederverwendet.

Cosita, die nun wieder in Banes ist, träumt davon nach Havanna zurückzukehren. Sie erzählt ihren Freunden von ihren Tagen in der „Hauptstadt aller Kubaner“ und schwärmt von dem Schrank aus gutem Holz für die Kinder, den sie eines Tages – als Trophäe – mit in ihr Dorf bringen würde.

*La Placa ist einer der volkstümlichen Namen, die für Havanna verwendet werden

 Übersetzung: Anja Seelmann